Lesedauer:5Minuten

Ich bin kein Sommermensch, wirklich nicht. Ich wäre es gerne, aber psychisch und körperlich ist es mir leider nicht oder nicht mehr möglich. Körperlich ist es kurz und bündig damit erklärt, dass ich einen sehr sensiblen Magen habe und ich Wärme und Hitze nicht sonderlich gut vertrage.

Und psychisch… hmm.

Heute auf den Tag genau ist es 11 Jahre her und gleichzeitig auch Beginn eines bösen Kreislaufs voller auf und ab… irgendwie hat sich alles in den letzten Jahren immer wieder wiederholt und statt darüber nachzudenken, wo der Ursprung liegt, habe ich irgendwann angefangen, keine Fragen mehr zu stellen und es als “August” abgestempelt.

August…

11 Jahre…

schwierig…

Wie gesagt vor 11 Jahren auf den Tag genau durfte ich oder musste ich viel mehr eine Erfahrung machen, auf die ich nach wie vor gerne verzichten würde. Ich hatte einen schweren Autounfall, der nicht nur eine große Narbe im Gesicht und zahlreiche kleine am Körper hinterlassen hat, sondern auch im Herzen. Eine gestörte Kindheit hat es mir schon immer etwas schwer gemacht, ich habe mich oft abgekapselt und abgegrenzt gefühlt, obwohl das nicht der Fall war. Im Gegenteil, viele Menschen wollten mit mir befreundet sein, Teil meines Lebens werden. Sie wollten, dass ich an ihrem Leben teilhabe, aber ich ließ nach außen hin keine Gefühle mehr zu, verschloss mich komplett. Ich gab mich anders als ich wirklich war, weil ich nie geglaubt habe, dass mich irgendjemand so akzeptieren könnte, wie ich wirklich bin.

Schon vor dem Autounfall hatte ich die Lebenslust verloren.

Ich hatte schon sehr mit mir zu kämpfen – 16 Jahre jung, fett, ungepflegt und unansehnlich, noch nie ‘ne Freundin, geschweige denn Sex… und jetzt noch die Narbe… und irgendwann bin ich an den Punkt gekommen, wo ich gar nichts mehr gefühlt habe. Mir war alles egal, vielleicht war es eine Schutzreaktion meines Körpers, ähnlich wie bei dem Unfall, wo ich im Endeffekt auch nichts spürte, abgesehen von unheimlichen Schmerzen im rechten Daumen.

Wenn ich sie mir heute anschaue, denke ich ab und zu an den Tag zurück, versuche es aber so schnell wie möglich wieder zu vergessen.

Ein Jahr später – wieder August, Ende der Weisheit – Noten zu schlecht – von der Schule geflogen.
Nach der Realschule kam direkt das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) ursprünglich dafür gedacht, dass ich einen Faden finde, wie es beruflich für mich weitergehen soll oder könnte. Umgeben von Idioten und unfähigen “Lernpersonal” hatte ich keine allzu großen Erwartungen, dass ich dort nur ansatzweise irgendwas erlangen könnte, was mir den richtigen Weg zeigt. Davon abgesehen hat mit dem Unfall die schlimmste Phase in meinem Leben begonnen… eben dieses ja… “Es macht alles keinen Sinn mehr”.

Wie soll man jemanden begeistern, der nichts mehr vom Leben erwartet, innerlich irgendwie tot ist?

Mit etwas Nachdruck seitens der Familie und Hilfe von einem der Ausbilder im BVJ bin ich in eine Bäckerlehre geschlittert – Bäcker? Wirklich? Das soll dein Alltag sein? Nachts aufstehen, bis Mittags arbeiten – Wochenende gleich 0?

Na gut, warum eigentlich nicht. Ich hab’s zumindest versucht… bis zum August.

Während der Lehre hatte ich ab und zu mal die Hoffnung, dass alles besser wird. Hab’ etwas abgenommen, neue Leute kennengelernt … mich verliebt … unglücklich muss man dazu sagen… und dann ist alles wieder hochgekommen:

“Du kannst nichts, du bist nichts, du wirst nie was werden…” – Ende. Keine Kraft mehr. Bin rausgerannt, fest entschlossen, mich vor den nächsten LKW zu werfen und dem Leid ein Ende zu setzen.

Hab’ viel nachgedacht in dieser Nacht, während ich auf den alles entscheidenden LKW gewartet habe – doch er kam nie. Vielleicht war doch mehr für mich vorhergesehen? Wieso sind bisher jede Nacht zahlreiche LKW durch das Dorf gebrettert und ausgerechnet in dieser Nacht keine einziger?

Nach ein paar Stunden bin ich wieder nach Hause gegangen. Sah meine Mutter mit Tränen in den Augen und der Polizei am Telefon.

“Ich war nur spazieren.” habe ich damals gesagt und “Ich bin am Ende und brauch Hilfe.” gemeint. Totgeschwiegen, nie wieder drüber geredet. Kurz danach: August – Lehre hingeschmissen, aufgeben.

Einige Wochen später habe ich meine erste Freundin kennengelernt, inzwischen war ich 19. Auch sie kam aus gestörten Verhältnissen und hat somit eine Art Helferinstinkt in mir geweckt. Irgendwie sind wir zusammengekommen und je näher sie mir kam, desto stärker merkte ich, dass sie für mich da sein will. Ich hab’ abgeblockt, mich hinterm Rechner versteckt und bin in virtuelle Welten geflüchtet.

Ein Jahr später… wieder August. Inzwischen bin ich zur Bundeswehr gegangen, habe das erste Mal gespürt, wie es sich anfühlt, wenn einem jemand wirklich fehlt. Viele Tränen, schwere Zeit.

Knapp ein weiteres Jahr lang hat sies mit mir ausgehalten, hatten uns zwischenzeitlich getrennt und wieder zueinandergefunden – ohne Erfolg.

Der nächste August rückte näher… endgültige Trennung, Schluss aus, vorbei. Ich hatte wieder einen Tiefpunkt zur Sommerzeit, der unweigerlich auch mit zur Trennung führte.

Bin wieder in alte Muster verfallen, fing an Dinge zu überspielen, stürzte mich in Arbeit bei einer der hiesigen Diskotheken. Falsches Lachen, tägliche Lügen – Fakeeric war nahezu perfekt.

Hier und da mal ein One-Night-Stand – keine Namen, keine Gefühle… nur Sex. Punkt.

Fakeeric… was für’n Scheißkerl.

Es gibt ja Frauen, die stehen auf Scheißkerle und so hat sich auch eine in mich verliebt – was sollte ich machen? Keine Ahnung – wir haben es eben versucht. Ich hab’ die Ablenkung gebraucht. Da war es mir in Endeffekt auch scheißegal, wie abgefuckt sie war.

Hab’ mich ausschließlich mit minderwertigen Menschen umgeben, nur um selbst besser dazustehen und ein gutes Gefühl zu haben. Doch auch das sollte nicht lange anhalten.

Der Sommer rückte abermals näher. Die Beziehung war am Ende, weil sich niemand wirklich reingesteigert hat, wir haben uns mehr oder weniger sang- und klanglos getrennt. Plötzlich hat sie sich wieder gemeldet, wollt einige Tage mit mir verbringen. Einfach so.

Wir hatten ein schönes Wochenende – dachte ich. Später wurde mir dann zugetragen, dass ich sie wohl an diesem Wochenende vergewaltigt hätte. Nur gut, dass ich davon nichts mitbekommen hab. Na ja, bevor ich das Letzte wusste, machte das Verhältnis zwischen mir und ihr einen guten Eindruck, sodass ich sie gefragt habe, ob sie mit mir und meinem damaligen besten Freund nach Paris fahren möchte. Das war damit begründet, dass mein Kumpel immer mal wieder Kleintransporter gefahren ist, um sich ein paar Euro dazuzuverdienen und ihre Ausbildungsstätte mehr oder weniger auf dem Weg nach Paris lag.

Normal hätte ich sie nicht gefragt, wenn mein Kollege nicht auf mich eingeredet hätte von wegen “Ach komm’ ihr hattet doch ein schönes Wochenende, vielleicht wird’s ja jetzt was?” – alles Teil eines größeren Plans.

Paris

Paris mit ihr und ihm… Chaos. Offensichtlicher ging’s schon gar nicht mehr, was zwischen den beiden abgeht. Natürlich habe ich meinen Mut aufgebracht (weil mir die Freundschaft zu ihm wichtig war) und habe beide gefragt, ob da was läuft.

“Ach was Eric, nein Eric, niemals Eric…” jaja…

… keine zwei Stunden waren wir wieder in Deutschland und schon ist sie zu ihm gerannt. Ich hatte ein ungutes Gefühl, wollte nicht glauben, was mir beide gesagt haben. Bin ihr später nachgegangen und um es abzukürzen: Da lagen sie… zusammen im Bett.

Danke du Bastard – du Stück Scheiße hast die Grundlage dafür geschaffen, dass ich keinen Männern mehr vertraue. Du Hurensohn, hast es geschafft, mich auch in diesem Punkt zu zerstören. Stück Scheiße… pff.

Ach übrigens… es war wieder August.

Verfickte Scheiße, nicht nur dass er mich betrogen hat – nein, er hat auch seine damalige Freundin betrogen. Tzz. Die hat mir dann noch erzählt, wie er es Tag ein Tag aus genossen hat mit mir zu spielen… auf beste Freunde zu machen und tralalala.

Bastard.

Ich könnte noch ewig weitermachen:
Job verloren – August.
Freundin verloren – August.
usw.

Immer August und immer Scheiße und immer die gleiche Gülle…

ich habe einfach keinen Bock mehr drauf… ich muss mich ändern, die Kette endgültig durchbrechen… in meinem Leben aufräumen – denn es ist wieder August und ich bin wieder am Ende… und zwei Stunden stehen noch auf der Uhr…

… wir werden sehen, was mir der August diesmal bringt … oder gebracht hat.