Nachdem ich Kampala bei Nacht verpasst hatte und am Sonntagmittag aufgewacht bin, fühlte ich mich zuerst schuldig. Nicht, weil ich Mist gebaut hätte, sondern weil ich wusste, dass meine Verlobte sonntagmorgens eigentlich zur Kirche geht.
Früher hätte ich nach so einer Nacht direkt mein Handy gesucht, Chats überprüft und innerlich Schadensbegrenzung betrieben. Diesmal suchte ich zuerst sie. Sie grinste, stellte mir etwas zu trinken hin, als wäre nichts gewesen.
Meine erste Frage war trotzdem: „Did I embarrass you?“
Sie lachte. „Nein, alles gut.“
„Aber wir haben die Kirche verpasst“, sagte ich.
Auch das war kein Drama. Am Abend würde es noch einen Gottesdienst geben. Ich solle mich erstmal ausruhen, trinken, duschen, zu mir kommen.
Der Sonntag war größtenteils unspektakulär. Viel Schlaf, viel Ruhe. Fast wie meine Sonntage in Deutschland. Aber darum soll es hier nicht gehen.
Kirche in Uganda ist nicht leise
Am Abend gingen wir zur Messe im Munyonyo Martyrs’ Shrine. Und dort wurde mir wieder bewusst, wie unterschiedlich Kirche sein kann.
In Europa wirkt sie oft bedacht, fast schwer. Würdevoll, ruhig, manchmal melancholisch.
In Uganda ist sie lebendig. Es wird gesungen, geklatscht, teilweise getanzt. Da ist Dankbarkeit, Hoffnung, Energie. Es fühlt sich weniger nach Pflicht und mehr nach Ausdruck an.
Auch architektonisch ist dieser Ort anders. Keine klassische Kirche mit hohem Turm, sondern ein flacher, runder Bau, der fast wie eine gelandete Untertasse wirkt. Innen gibt es zahlreiche Sitzplätze – aber auch außen. Durch große Fenster kann man teilnehmen, selbst wenn man zu spät kommt oder es drinnen zu warm wird. Es wirkt offener, zugänglicher.
Natürlich bin ich aufgefallen – als einziger Muzungu zwischen all den Einheimischen. Wahrscheinlich fühlt es sich für Edna ähnlich an, wenn sie mit mir in Deutschland in die Kirche geht.
Das Prinzip bleibt überall gleich: sitzen, beten, predigen, singen. Nur ist es hier intensiver. Lebhafter. Ich, sonst eher stiller Beobachter, ließ mich mitziehen und tat einfach das, was alle anderen taten. Eine Stunde, die schneller verging, als ich erwartet hatte.
Während der Messe ging die Sonne unter. Als sie vorbei war, war es zu dunkel für die Fotos, die ich eigentlich machen wollte. Vielleicht war genau das passend. Nicht alles muss festgehalten werden.
Der Gebetsraum
Noch stärker als die Messe selbst war für mich der Gebetsraum neben der Kirche, bzw. die Divine Mercy Chapel.
Ein Raum absoluter Stille. Kein Singen, kein Reden. Nur Kerzenlicht und Menschen, die beten. Rund um die Uhr geöffnet. Man kann jederzeit hineingehen.
Damals hat mir dieser Rückzugsort so gut gefallen, dass ich jedes Mal dort hinein wollte, wenn wir in der Nähe waren. Zehn Minuten sitzen. Nichts denken. Den Kopf ausschalten.
Ich bin nicht gläubig im klassischen Sinn. Und doch hat mich dieser Ort Gott näher gebracht als viele andere. Nicht durch Dogmen, sondern durch Stille. Durch Präsenz. Vielleicht durch die gebündelte Energie der Menschen dort.
Und nein, das ist für mich kein Widerspruch. Gott kann man definieren, wie man möchte.
Rituale
Warum ist das gerade jetzt so präsent?
Weil ich aktuell beim Ramadan mitmache. Jeder hat seine Rituale.
Edna geht zur Kirche.
Mein Kollege betet fünfmal am Tag zu Allah.
Und ich? Ich sitze sonst meistens vor dem Rechner.
Vor Jahren wollte ich meditieren lernen. Ich habe es versucht, schnell wieder aufgegeben. Mein Kopf war zu laut, zu chaotisch. 2017 habe ich sogar über inneren Frieden geschrieben, eine ganze Serie begonnen – und irgendwann abgebrochen, weil ich zwar wollte, aber es nicht konnte.
Heute ist das anders.
Vor dem Fastenbrechen setze ich mich in mein Schlafzimmer, in eine bestimmte Ecke, auf ein Kissen. Ich zünde eine Kerze an, ein Räucherstäbchen, mache das Licht aus und sitze einfach da.
Einatmen.
Ausatmen.
Zehn Minuten.
Und es funktioniert.
Vielleicht liegt es am Alter. An der Beziehung. Vielleicht daran, dass ich Chaos inzwischen besser handhaben kann als damals. Nach diesen zehn Minuten fühle ich mich jedes Mal neu sortiert.
Zehn Minuten
Ich mache mir daraus keine große Philosophie. Noch nicht. Es sind zehn Minuten am Tag. Mehr nicht. Aber ich merke, dass sie etwas verändern. Und vielleicht reicht das erstmal.
Und vielleicht ist die eigentliche Frage auch gar nicht, ob man gläubig ist oder nicht. Vielleicht geht es eher darum, ob man irgendetwas hat, das einen jeden Tag kurz anhält. Ein Ritual. Einen Moment Stille. Etwas, das größer ist als der eigene Alltag – oder zumindest größer wirkt.
Was ist das bei dir?
















