Allein in Kigo, Uganda – zwischen Ruhe, Entwicklung und Realität

Nach dem Gottesdienst in Munyonyo brachte mich meine Verlobte nach Kigo. Noch im Auto fragte sie mich, ob ich mir vorstellen kann, dort alleine umherzulaufen, ob ich mich sicher fühlen würde. Sie musste arbeiten, ich würde also den Tag über auf mich allein gestellt sein.

Bevor sie losfuhr, hatte sie mir noch Frühstück vorbereitet. Ich schlief danach weiter und wachte irgendwann später auf. Allein in der Unterkunft, erstmal kurz orientieren, Handy in die Hand, ein bisschen schauen, ein bisschen planen, nichts Besonderes. So ein typischer Moment zwischen Ankommen und Nichtstun, bevor man sich entscheidet, ob man den Tag einfach verstreichen lässt oder doch irgendwas daraus macht.

Irgendwann bin ich dann einfach raus.

Kigo fühlt sich anders an als Kampala. Ruhiger, offener, weniger dicht. Gleichzeitig merkt man schnell, dass hier noch nicht alles fertig ist. Vieles wirkt im Aufbau, als würde sich der Ort gerade erst entwickeln. Straßen, Flächen, neue Gebäude – nichts wirkt endgültig, eher wie eine Momentaufnahme von etwas, das noch kommt.

Ich lief einfach los, ohne konkretes Ziel. Mir ging es erstmal nur darum, ein Gefühl für die Gegend zu bekommen. Nebenbei habe ich mit Hilfe von KI ein paar Orte rausgesucht, Lagen gecheckt, Fotos gemacht und geschaut, wie sich das hier entwickeln könnte. Auch mit dem Gedanken im Hinterkopf, ob man hier vielleicht irgendwann etwas kaufen könnte. Die Antwort kam relativ schnell – Land in Kigo übersteigt aktuell mein Budget.

Je länger ich unterwegs war, desto mehr habe ich mich einfach treiben lassen. Querfeldein, Straßen entlang, kleine Wege, ohne Plan. Immer wieder hörte ich „Muzungu“ oder „Hey boss, we need water“. Anfangs war das ungewohnt, inzwischen wusste ich, was gemeint ist. Ich hatte nur Kleingeld dabei, also blieb es meistens bei einem kurzen Blickkontakt und einem Nicken.

Irgendwann kam ich an einer Mall vorbei – oder eher an dem, was mal eine werden soll. Vieles war noch im Bau, große Flächen leer, unfertig. Drinnen gab es im Grunde nur eine kleine Bäckerei und einen Getränkeladen, mehr nicht. Gerade das machte es irgendwie interessant. Kein fertiger Ort, kein Konzept, einfach etwas, das gerade entsteht.

Ich ging in die Bäckerei und fragte die Verkäuferin, was sie mir empfehlen kann und was sie selbst gerne isst. Nachdem ich mir zuerst das genommen hatte, was mir optisch zugesagt hat, zeigte sie auf African Pancakes beziehungsweise Cookies. Ich habe sie probiert – und ziemlich schnell gemerkt, dass das nicht meins ist. Einer dieser kleinen Versuche, die man einmal macht und dann abhakt.

Zurück in der Unterkunft habe ich mich erstmal hingelegt. Kurz die Augen zu, ein kleines Nickerchen. Danach zog es mich wieder raus, diesmal noch ein Stück weiter die Straße entlang. Ohne Ziel, einfach laufen. Bodaboda-Fahrer hielten an, wollten mich mitnehmen, konnten nicht verstehen, warum ich zu Fuß unterwegs bin. Aber genau das war ja der Punkt. Ich wollte nicht einfach nur von A nach B, sondern dazwischen sein.

Menschen grüßten mich, freundlich, offen, manchmal neugierig. Und während ich so unterwegs war, merkte ich, wie sich mein Blick verändert. Anfangs nimmt man alles gleichzeitig wahr, später wird es ruhiger, sortierter.

Und dann gab es diesen Moment.

Ein Fahrer kam recht nah an mir vorbei, etwas zu nah. Erst habe ich mir nichts dabei gedacht. Als ich später am Straßenrand stand und auf meine Freundin wartete, fiel mir auf, dass er nicht einfach weitergefahren war. Er hielt Abstand, beobachtete mich aus der Entfernung.

Ich ließ mir nichts anmerken und beobachtete ihn ebenfalls. Kein offensichtliches Starren, einfach wach bleiben. „Bau keinen Scheiß“, ging mir kurz durch den Kopf. Es war kein großes Drama und nichts ist passiert, aber es war das erste Mal in dieser Woche, dass ich mich für einen kurzen Moment nicht ganz wohl gefühlt habe.

Als ein jüngeres Pärchen neben mir stand, ging ich zu ihnen rüber und begann ein Gespräch. Nichts Tiefes, einfach ein paar Sätze. Aber es reichte. Der Fahrer verschwand kurz darauf.

Kurz danach kam sie und sammelte mich ein. Sie sah mich, musste lachen und schüttelte nur den Kopf. Ich war komplett verschwitzt und voller Staub.

„Was machst du?“, fragte sie.

„Spazieren“, sagte ich.

Später erzählte sie das ihrem Schwager und war begeistert davon, dass ich einfach alleine durch Uganda gelaufen bin. Für mich fühlte es sich in dem Moment nicht besonders an, eher selbstverständlich, aber aus ihrer Perspektive offenbar schon.

Am Abend gingen wir ins Aquarius Kigo Resort, ein Fünf-Sterne-Hotel direkt am See. Essen und Getränke für zwei Personen – umgerechnet etwa 25 €. Ein Preis, der in dem Moment fast absurd wirkt, wenn man ihn mit dem vergleicht, was man gewohnt ist.

Wir ließen den Abend ruhig ausklingen, waren noch kurz in der Kapelle und gingen dann zurück ins Zimmer.

Der Abschied rückte näher. Und gleichzeitig fühlte es sich diesmal anders an als beim letzten Mal. Vielleicht, weil ich nicht nur mit ihr unterwegs war, sondern auch alleine. Weil ich angefangen habe, mir selbst ein Bild zu machen – nicht nur von Orten, sondern davon, wie es sich anfühlt, hier zu sein.

Während ich das hier etwas später schreibe, freue ich mich schon auf den nächsten Besuch. In drei Wochen geht es wieder zurück. Diesmal für 19 Tage statt nur 9

SehnsuchtsbummlerLiterbookTravel ChannelGefällt 3 Lesern

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