Ich habe Kampala bei Nacht verpasst

Ich habe Kampala bei Nacht verpasst. Nicht, weil nichts passiert wäre, sondern weil ich mich irgendwann selbst ausgeschaltet habe. Und wenn ich ehrlich bin, ist genau das der Grund, warum ich diesen Abend überhaupt aufschreibe: Nicht als „so ist das Nachtleben dort“, sondern als „so war ich dort“.

Nach dem Markt in Entebbe, einer Dusche bei Edna und diesem kurzen „okay, jetzt geht’s los“ landeten wir an der Acacia Mall. Und der erste echte Kampala-Nacht-Moment war nicht Musik. Es war ein Satz an der Einfahrt ins Parkhaus.

Acacia Mall und das „Water“ im Parkhaus

Während ich mich fertig gemacht habe, wurde im Hintergrund schon organisiert. Keine große Konferenz, eher dieses leise Funktionieren: ein paar Nachrichten, ein kurzer Call, dann ist klar, wo man sich trifft. Edna rief eine Freundin an, Martha. Nicht „lass mal gucken“, sondern: Martha kennt Leute, Martha kennt Bars, Martha weiß, wo du hingehst, wenn du nicht planlos durch die Nacht stolpern willst. Wir sagten direkt: erst was essen, dann raus. Treffpunkt war fix: Acacia Mall.

Auf dem Weg dorthin hatte ich dieses merkwürdige Gefühl, als würde ich zu einem Ort fahren, den ich schon kenne, ohne jemals da gewesen zu sein. Ich kannte die Mall aus Videos, die ich vorher gesehen hatte. Kurz bevor wir ankamen, konnte ich ziemlich genau sagen, was drumherum kommt und wie es da drin ungefähr aussieht.

An der Einfahrt zum Parkhaus standen bewaffnete Wachen. Kontrolle, kurzer Blick, Routine. Niemand war aggressiv, niemand war böse. Das war einfach normal. Die Jungs scannten das Auto, begutachteten uns – und vor allem mich. Ich trug ein dunkles Sakko und eine schwarze Stoffhose, und ich sah wahrscheinlich aus wie ein Typ, der sich Mühe gibt, nicht komplett fehl am Platz zu wirken. Einer der Wachen lehnte sich rüber, völlig neutral, und fragte: „Do you have some water?“

Ich hab’s nicht gerafft. Wirklich nicht. Ich dachte, der meint Wasser. Ich hatte eine Flasche dabei, aber die war fast leer. Also hielt ich sie ihm hin, so halb automatisch, so dumm freundlich, wie man ist, wenn man gerade nicht versteht, was eigentlich gemeint ist. Er grinste, lachte kurz, winkte ab – alles gut, fahr rein.

Und erst ein paar Meter später, als wir schon drin waren, kam die Übersetzung von Edna. Ganz trocken, als wäre es das Normalste der Welt: „Water“ meint nicht Wasser. „Water“ meint Geld. Trinkgeld. Ein Codewort, das harmlos klingt und trotzdem ganz genau meint, was es meint.

Essen und Treffen mit Martha

Die Mall war schon halb tot. Die Läden waren zu, nur die Food-Spots hatten noch auf. Trotzdem war da sofort Leben. Rufen, Winken, „come here“, „eat here“. Nicht aufdringlich, eher dieses direkte Geschäft, das nicht so tut, als wäre es keins. Wir setzten uns zu einem Inder. Chicken Tikka Masala. Dazu ein Fruchtcocktail aus Wassermelone, Passionsfrucht und Mango. Kalt, süß, genau richtig.

Dann kam Martha dazu, und man merkte sofort: Das ist nicht einfach „eine Freundin“. Das ist jemand, der diese Stadt abends kennt. Nicht als Story, sondern als Funktion. Da wird nicht groß erklärt, da wird kurz geguckt, kurz geschrieben, kurz entschieden. Und es war auch gut, dass sie da war, weil ich zwar selbst auch aus dem Nachtleben komme, aber eben nicht aus diesem. Ich kenne Clubs, Bars und diese ungeschriebenen Regeln – nur kenne ich sie in meinem Umfeld. Hier war ich der Typ im Sakko, der versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass er gerade alles beobachtet und zu verstehen versucht.

Wir gingen zurück zum Auto, und hier kommt ein Detail, das an diesem Abend mehr Bedeutung hatte, als es vielleicht klingt: Edna hatte mein Geld. Nicht, weil ich es nicht tragen kann, sondern weil sie die ganze Zeit darauf geachtet hat, dass ich nicht abgezogen werde. Handy, Geldbeutel, alles eher bei ihr. Ich weiß nicht mal, ob sie Angst hatte, dass mich wirklich jemand über den Tisch zieht oder ob sie einfach sicher gehen will, wenn sie mit mir unterwegs ist. Wahrscheinlich beides.

Und ich fand das gleichzeitig angenehm und auch ein bisschen entlarvend. Weil es mir zeigt, wie klar sie in solchen Situationen bleibt. Edna ist nämlich nicht der Typ Mensch, der beim Feiern „mitgeht“ im Sinne von: je später, desto mehr Alkohol. Sie bleibt nüchtern. Sie ist die Fahrerin. Edna hat kein Interesse daran, sich zu betrinken. Sie hat Interesse daran, dass alles läuft und dass alle wieder heil ankommen.

Acasia Mall Kampala View
Blick von der Acacia Mall nach draußen

Goethe-Zentrum: Club-Geruch, nicht Stadt-Gefühl

Nächster Stopp: Goethe-Zentrum. Ein Ort, der in meinem Kopf eigentlich nicht in dieselbe Nacht gehört wie „wir gehen feiern“. Edna kannte das Zentrum noch von früher, weil sie dort mal Deutsch gelernt hatte. Im Keller lief Techno, und es roch nach Gras – dieses schwere, süßliche Kiffen-Aroma, das dir sofort sagt, wie der Raum tickt, noch bevor du überhaupt weißt, wo die Bar ist.

Und ich sag’s so, wie es in dem Moment in mir war: Es hat sich nicht nach „Kampala“ angefühlt, sondern nach „Club“. Nach einem Schuppen, wie du ihn überall findest, wenn du Bass willst, dunkles Licht, schwitzende Menschen, und dieses Gefühl, dass die Nacht ein eigener Raum ist. Das war nicht schlecht. Es war nur nicht das, wofür ich innerlich auf „Uganda bei Nacht“ geschaltet hatte.

Ich wollte die Stadt sehen. Ich wollte das Typische. Und ich merkte sehr schnell: Ich kenne das. Mein Kopf hat das sofort als „vertraut“ einsortiert. Und ich hab mich da nicht lange aufgehalten, weil ich nicht nach Uganda geflogen bin, um mir etwas anzuschauen, das mein System in zehn Sekunden in die Kategorie „kenn ich“ packt.

Goethe Zentrum Kampala
Goethe Zentrum Kampala

Das Ding ist: Ich kenne Nachtleben. Wirklich. Ich bin da früher groß geworden. Ich hatte Jobs an der Bar, ich war Nightlife-Fotograf, ich war gefühlt jedes Wochenende unterwegs und meistens auch besoffen. Heute ist das ganz anders. Ich hab hier Flaschen stehen, die stehen da wahrscheinlich noch ein Jahr, bevor sie überhaupt angefasst werden. Und vielleicht war genau deshalb an diesem Abend irgendwas in mir, das sich wieder beweisen wollte. So nach dem Motto: „Ach komm, einmal richtig.“ Oder: „Wenn wir schon rausgehen, dann aber auch saufen.“

Warum Uganda sich manchmal so logisch anfühlt

Wir trafen Leute. Bekannte von Bekannten. Dieses „hier kennt jemand jemanden“, das sich in einer Nacht ständig weiter verzweigt. Einer sprach plötzlich fließend Deutsch, kam aus Düsseldorf und meinte, er kommt immer nur im Winter hierher, weil ihm Deutschland zu kalt ist. Der Satz blieb hängen. Nicht als Story zum Weitererzählen, sondern als Gedanke, der sich festkrallt, weil er sich erschreckend logisch anfühlt.

Und ich hab gemerkt: Genau sowas ist das, was ich an Uganda mag. Du triffst Leute, die ihr Leben anders bauen, ohne großes Drama, einfach weil es für sie Sinn ergibt. Es ist nicht immer romantisch. Es ist oft pragmatisch. Aber es ist echt.

Otters Bar und die letzte klare Minute

Als ich genug von dem hatte, was ich schon kante, ging es gefühlt quer durch die halbe Stadt weiter zur Otters Bar.

Security, Einlass, Checks – alles lief. Und ich weiß noch, wie schnell mein Kopf versucht hat, das einzuordnen. Viele Weiße, viele Expats, viele Leute, die nicht zum ersten Mal in Kampala sind. Viel Muzungu-Style. Für Edna und Martha war das wahrscheinlich nicht „falsch“, sondern einfach: sicher, planbar, unkompliziert. Für mich war es dieses leise Gefühl von: Ich bin hier, aber ich bin gerade nicht da, wo ich hinwollte.

Und das ist der Punkt, der mich im Nachhinein wirklich wurmt: Ich glaube, ein Teil von mir hat sich an dem Abend auch deshalb so zulaufen lassen, weil ich enttäuscht war. Nicht, weil es schlecht war, sondern weil ich etwas anderes erwartet hatte. Und ja: Leider habe ich nicht sauber kommuniziert, was ich sehen wollte. Ich wollte eher das, was für sie „normal“ ist, nicht das, was für mich „normal“ ist.

Ich erinnere mich noch an meine letzte klare Minute: Ich bestellte mir einen starken Caipirinha. Kaltes Glas in der Hand, Limette, Zucker, Alkohol. Das war das Letzte woran ich mich noch klar erinnern kann.

Danach wird es löchrig. Nicht „ich hab Details vergessen“, sondern: Risse. Blackout. Den Rest habe ich mir am nächsten Tag aus Erzählungen zusammengesetzt.

Ich weiß, dass ich getanzt habe. Ich weiß auch, dass ich mit Martha weniger locker war als mit Edna, ohne dass ich direkt erklären könnte, warum. Angeblich wurde ich sogar angebaggert. Kann sein. In meinem Kopf existiert davon nichts. Was ich noch mitbekommen habe, ist eher das Umfeld, diese Mischung aus Party, Routine und dem Gefühl, dass du dich selbst beim Kippen beobachtest und trotzdem weiter machst.

Nikotin: Das Einzige, was mein Körper noch klar wusste

Während ich schon nichts mehr sauber gespeichert habe, hat mein Körper ein anderes Thema komplett klar gehalten: Nikotin.

Ich hatte aufgehört zu rauchen. Und ausgerechnet in der Nacht, in der Alkohol reinkommt und Grenzen weicher werden, ist überall Rauch. Du riechst es. Siehst es. Du könntest sogar eine Shisha oder Zigaretten in der Bar kaufen. Genau dann schreit dein System nach dem alten Ritual. Ich muss wohl richtig erbärmlich gebettelt haben, dass ich unbedingt eine Shisha will oder Zigaretten. Meine Verlobte hat mich dann am nächsten Tag nachgeäfft und zwei Finger zu ihren Lippen geführt: “I want to smoke, buhuhu…”!

Ich erinnere mich daran nicht mehr so dramatisch, aber ich weiß, dass ich die Shishas gesehen habe und dass Zigaretten in der Nähe waren. Und Alkohol plus Rauch ist einfach eine fiese Kombi, wenn du gerade erst aufgehört hast zu rauche. Dennoch zog ich durch. Ich habe nicht geraucht. Und heute, fünf Wochen später, bin ich immer noch rauchfrei. Das ist für mich im Nachhinein fast das größte Ergebnis dieser Nacht, auch wenn es sich in dem Moment ganz bestimmt nicht so angefühlt hat.

Der Morgen danach: Schaden scannen

Am nächsten Morgen kam dieser Moment, den ich leider sehr gut kenne: Aufwachen, orientieren, sofort innerlich den Schaden beurteilen. Ich lag in Ednas Bett, hatte keine Ahnung, wie ich nach Hause gekommen bin, suchte mein Handy und ging wie früher automatisch alles durch. Chats checken. Gucken, ob ich irgendwem irgendwas Dummes geschrieben habe. Kennst du ja.

Und als Edna aus der Küche kam, war meine erste Frage nicht romantisch, nicht schön, nicht „Guten Morgen“. Es war: „Did I embarrass you?“

Sie hat gelacht, so dieses ehrliche, warme Lachen, und meinte: nein, nein, alles gut. Und ich habe in dem Moment wirklich gemerkt, wie sehr ich Angst hatte, sie blamiert zu haben. Nicht vor mir, sondern vor anderen. Vor Leuten, die sie kennt. Der Stadt, in der sie lebt. Vor einer Situation, in der sie die Verantwortliche ist und ich der Typ, der sich weggeballert hat.

Das Puzzle: Fuß, Kontrolle, Prinzip

Dann begann das Puzzle. Sie erzählte mir nach und nach, was passiert ist.

Heimweg: Ich musste so dringend pissen, dass wir irgendwo anhielten. Ich stieg aus, stolperte oder trat blöd auf und verknickte mir dabei den Fuß.

Und dann eine Polizeikontrolle, nicht weit weg von der Gegend, in der wir unterwegs waren. Ich war nicht nüchtern, ich war nicht klar, und ich war ganz sicher kein zuverlässiger, ruhiger Beobachter.

Und da kommt der Teil, der mir im Nachhinein fast mehr über mich sagt als der Blackout: Ich war in dem Moment maximal pragmatisch. Ich wollte nicht stehen, nicht diskutieren, keine Zeit verlieren. Ich meinte sinngemäß, man solle ihm einfach etwas aus meinem Geldbeutel geben, damit er endlich Ruhe gibt und wir weiter können. Lebenszeit gegen Prinzip. Für mich war das „fuck off and leave me alone“.

Für Edna war das „ich hab nichts falsch gemacht“ und viel Diskussion. Und sie hatte recht, schließlich hatte sie ja nichts falsche gemacht, sie war nüchtern und anständig. Edna ist dann einfach weiter gefahren, ohne zu zahlen, nachdem der Polizist ihr nicht erklären konnte was sie falsche gemacht haben soll.

Wie ich am Ende wirklich ins Bett gekommen bin und warum meine Hose gerissen war, ist mir bis heute ein Rätsel. Und ja, das ist auch irgendwie lustig, aber es ist vor allem entlarvend. Weil es zeigt, wie wenig du noch im Griff hast, wenn du dich entscheidest, dich nicht mehr im Griff haben zu wollen.

Fazit: In Kampala sein und trotzdem nicht da sein

Und wenn mich jemand fragt, wie Kampala bei Nacht ist, dann ist die ehrlichste Antwort: Ich habe Kampala bei Nacht verpasst. Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe, sondern weil ich mich selbst aus dem Abend rausgesoffen habe. Das ist nicht cool. Das ist nicht romantisch. Aber es ist eine dieser Nächte, die dir zeigen, wie schnell alles kippt, wenn du müde bist, wenn du zu viel willst, wenn dein Körper gleichzeitig Entzug fährt und du trotzdem glaubst, du kannst einfach feiern gehen.

Vielleicht war das mein erster echter Kampala-Moment. Nicht der Bass, nicht das Tanzen, nicht das Nachtleben. Sondern die Erkenntnis am nächsten Mittag: Du kannst in einer Stadt sein – und trotzdem nicht da sein. Und du kannst Glück haben, dass du jemanden an deiner Seite hast, der nüchtern bleibt, fährt, dein Geld hält, dich nach Hause bringt, dich nicht klein macht, sondern dir am nächsten Morgen einfach sagt:

alles ist gut.

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