Bis hierhin war Uganda für mich vor allem: ankommen. Funktionieren. Erledigungen. Essen. Schlafen. Runterkommen. So wie man eben ankommt, wenn der Kopf noch im Transit hängt und der Körper zwar schon da ist, aber der Rest noch etwas hinterherfliegt.
Und genau an Tag 2 hat sich etwas in mir gedreht. Nicht, weil plötzlich irgendwas „Krasses“ passiert ist, sondern weil ich gemerkt habe: Wenn ich das hier nur als „heute haben wir X gemacht, morgen machen wir Y“ runterschreibe, wird’s am Ende genauso austauschbar wie jeder zweite Reisebericht. Aber ich war nicht dort, um Uganda abzuhaken. Ich war dort, um es zu verstehen. Schritt für Schritt. Die Dinge, die im Alltag passieren. Kommunikation, Respekt, die Art, wie Menschen miteinander umgehen. Den Transport, Handel, Essen, Glauben. All die kleinen Unterschiede zu Europa, die du erst dann wirklich merkst, wenn du nicht mehr im Auto oder Hotel sitzt, sondern einfach zu Fuß unterwegs bist und deine Augen öffnest.
Und genau dafür kam dieser Satz von Edna wie ein Schalter: „Lauf du mal alleine weiter.“
Wir waren in Kisubi, zwischen Abujjah Rd Richtung Bwerenga Rd, vorbei am Kakindu Market und rüber Richtung Ruzinda Street. Erst sind wir noch gemeinsam ein Stück gelaufen, um die Umgebung aufzunehmen – und dann hat sie mich bewusst allein weitergehen lassen. Nicht als Test. Nicht als Mutprobe. Sondern damit ich dieses Gefühl einmal ungefiltert bekomme: allein in einer fremden Umgebung. Ohne dass jemand neben dir steht, dir jede Geste übersetzt oder dir den Rücken deckt.

Allein in Kisubi
Ich dachte, es werden vielleicht zehn Minuten. Am Ende waren es eher dreißig oder sogar ein bisschen mehr. In dem Moment habe ich komplett das Zeitgefühl verloren. Nicht, weil ich Angst hatte, sondern weil ich automatisch anders geschaut habe. Wer guckt zurück? Spricht? Wer gestikuliert? Wo wird’s laut, wo wird’s still? Du bist wacher. Und dann merkst du erst, wie sehr du in Europa gewohnt bist, „unsichtbar“ zu sein.
Und dann fiel es zum ersten Mal wirklich. Nicht als Begriff im Kopf, sondern direkt neben mir auf der Straße.
Ein Bodaboda-Fahrer hat kurz angehalten, freundlich, nicht aufdringlich: „Hey muzungu, bodaboda?“
Ich musste grinsen. Ich kannte das Wort. Natürlich. Edna hatte es schon gesagt, und wenn du dich mit Uganda beschäftigst, stolperst du zwangsläufig drüber. Aber wenn du es zum ersten Mal selbst hörst, ist es plötzlich nicht mehr Theorie. Plötzlich bist du nicht mehr nur Beobachter. Du bist ein Signal im Straßenbild.
„Muzungu“ heißt am Ende einfach: weißer Mensch, Ausländer. Das ist nicht automatisch abwertend. Eher eine Einordnung. Eine Feststellung. Und trotzdem war es ein Moment, der saß, weil du auf einen Schlag spürst, wie sichtbar du bist.
Ein paar Minuten später – näher an der Bwerenga Rd – stand ein Schulbus. Ein Kind hat aus dem Fenster geguckt, mich gesehen, „Muzungu“ gesagt und die anderen gerufen. Auf einmal waren da überall kleine Gesichter in den Fenstern. Lächeln. Winken. Dieses ehrliche, ungefilterte „Guck mal!“ Und ich stand da wieder mit diesem Grinsen, weil ich merkte: Das ist nicht Bedrohung. Das ist Neugier. Freude. Aufregung. Und ja, auch ein bisschen dieses „Was macht der hier allein?“

In genau solchen Momenten, die später noch häufiger vorkommen sollten, ist mir klar geworden, dass Kommunikation dort nicht nur Sprache ist. Kommunikation ist Blickkontakt. Handzeichen. Körpersprache. Tonfall. Präsenz.
Je weiter ich gelaufen bin, desto öfter kamen Gesten und Zurufe. Vor allem Kinder haben viel gewunken, sind ein Stück parallel gelaufen, stehengeblieben, haben gelacht, sich gegenseitig zugerufen. Händler haben mir Zeichen gegeben, dass ich rüberkommen soll. Klar war da auch eine Logik drin: Weiß wird schnell mit Geld verknüpft. Das musste man nicht schönreden. Aber man muss es auch nicht dramatisieren, weil der Umgang dabei trotzdem auffällig respektvoll war.
Was mich wirklich überrascht hat: Trotz der allgemeinen Lautstärke überall war die direkte Ansprache oft erstaunlich sanft. Viele haben eher leise geredet. Viel lief über Gesten. Über Mimik. Über diese kleinen Signale, die du erstmal lesen lernen musst. Ich kannte das von Edna und hatte lange gedacht, sie sei einfach schüchtern.
Spoiler: ist sie nicht.
Das war einfach ein anderer Stil. Ruhiger. Gelassener. Weniger „ich muss mich durchsetzen“. Und das war für mich sogar schwieriger, weil ich es aus Europa anders kenne: Wenn jemand etwas will, wird es meistens deutlich – laut, direkt, notfalls penetrant. Dort war es oft subtiler, aber nicht weniger eindeutig. Ich musste nur erst lernen, es zu erkennen.
Bodabodas, also die Motoradtaxis, wollten mich natürlich ständig mitnehmen. Das gehört dort dazu wie Autos in Deutschland. Ich habe aber gemerkt, dass ich davor noch etwas Respekt hatte. Oder ehrlicher ein bisschen Schiss. Edna meinte, ich soll einfach mal eine kleine Runde fahren, damit ich ein Gefühl dafür bekomme. Wahrscheinlich hatte sie recht. Aber an dem Tag war ich noch im Modus: erst verstehen, dann machen. Und ich merkte da schon: Bodaboda ist nicht nur Transport. Bodaboda ist ein eigenes Uganda-Thema. Ein System. Eine Kultur. Und wahrscheinlich komme ich da nicht drumrum, wenn ich wirklich verstehen will, wie man dort von A nach B kommt und lebt.
Was mir wichtig ist, das einmal klar zu sagen: Ich habe mich in Uganda die ganze Zeit sicher gefühlt und respektiert. Ja, es gibt Menschen, die mal etwas hartnäckiger sind. Aber ein freundliches, klares Ablehnen hat in der Regel gereicht. Kein Drama. Kein aggressives Nachsetzen. Es gab später eine Situation, wo ich mich kurz verfolgt gefühlt habe – das kommt noch – aber Kisubi war eher der Moment, in dem ich gelernt habe: Du kannst hier allein laufen. Du musst nur aufmerksam sein, ohne dich verrückt zu machen.
Irgendwann bin ich wieder zurückgelaufen. Kopf voll Eindrücke. Und da war Edna wieder: mit diesem breiten Grinsen und der Frage, die eigentlich schon alles sagt: „Und? Wie war’s?“
In dem Moment wusste ich, warum sie mich allein losgeschickt hatte. Nicht, um mich zu testen. Sondern damit Uganda aufhört, Kulisse zu sein. Damit es anfängt, mit mir zu sprechen – und ich wirklich anfange zu verstehen.
Danach sind wir noch ein bisschen rumgefahren, haben auf dem Weg zurück Richtung Lakeside ein paar andere Spots angeschaut und waren kurz im Mukuuba Fishing Village. Aber der eigentliche Punkt dieses Tages war nicht ein Ort auf der Karte. Es war dieses eine Wort auf der Straße. Dieses „Muzungu“, das plötzlich echt war.
Ab hier will ich die Serie genau so weiterführen: weniger „Tagesablauf“, mehr „Aspekte“. Kommunikation zuerst, weil ich gemerkt habe, wie viel davon ohne Sprache passiert. Danach Transport, Handel, Essen sowieso. Respekt und Umgang. Und irgendwann auch Glaube, Kirche, dieser Alltag, der in Uganda überall sichtbar ist – ohne dass jemand daraus eine Show macht. Nicht als Reiseführer. Sondern so, wie ich es erlebt habe. Mit allem, was daran schön ist. Und dem, was daran erstmal fremd war.







schrieb am 31.12.2025:
Beeindruckende, dichte Schilderung.
schrieb am 31.12.2025:
Ja ist ein schönes Land und tolle Menschen, hier gehts weiter: https://www.meskasblog.de/entebbe-markt-handel-alltag/