Der Klügere gibt nach. Leider.

Täglicher Schreibanreiz
Welches Wort oder welche Redewendung geht dir total auf die Nerven?

Es gibt einige Wörter, die mich nerven.

„Digga“ zum Beispiel. Oder „wallah“. Oder eigentlich alles, was die deutsche Sprache wieder ein Stück weiter verunstaltet.

Natürlich weiß ich, dass Sprache sich verändert. Natürlich weiß ich auch, dass jede Generation ihre eigenen Begriffe hat, über die sich die Generation davor aufregt. Wahrscheinlich haben sich früher auch Leute über Wörter aufgeregt, die ich heute völlig normal benutze.

Trotzdem nervt es mich.

Aber wenn ich ehrlich bin, ist es kein einzelnes Wort, das mich am meisten triggert. Es ist eine Redewendung.

Der Klügere gibt nach

Diese Redewendung macht mich fertig.

„Der Klügere gibt nach.“

Ja, ich verstehe den Gedanken dahinter. Natürlich ergibt es manchmal Sinn, einfach nichts mehr zu sagen. Um den eigenen Frieden zu wahren. Um keine Energie zu verschwenden. Um hoffnungslose Fälle einfach stehenzulassen und weiterzugehen.

Aber wenn der Klügere immer nachgibt, sind die Dummen am Ende quasi immer im Recht.

Und genau das ist mein Problem damit.

Man kann einen klugen Menschen mit einem Fakt überzeugen. Einen dummen Menschen überzeugt man manchmal nicht einmal mit tausend Fakten. Nicht, weil die Fakten zu schwach wären. Sondern weil es gar nicht um Fakten geht.

Es geht um Stolz. Um Rechthaben. Um das eigene Weltbild. Um dieses unangenehme Gefühl, sich eingestehen zu müssen, dass man falsch lag.

Und genau da wird es anstrengend.

Ich bin nicht mehr Don Quijote

Während ich das hier schreibe, merke ich selbst, wie sehr ich mich inzwischen verändert habe.

Früher wäre ich bei sowas wahrscheinlich sofort losgeritten. Don Quijote gegen die Windmühlen. Nur dass die Windmühlen in meinem Fall meistens Menschen waren, die irgendeinen Unsinn behauptet haben.

Ich hätte diskutiert. Erklärt. Belegt. Nachgelegt. Noch ein Beispiel gebracht. Noch einen Vergleich. Noch eine Quelle. Noch einen Versuch.

Nicht einmal unbedingt, weil ich streiten wollte. Sondern weil ich dachte, dass es doch reichen müsste, wenn etwas logisch, belegbar und offensichtlich ist.

Reicht aber nicht.

Heute selektiere ich deutlich stärker, wo und wie ich mein Wissen weitergebe. Und vor allem, ob es den Aufwand überhaupt wert ist.

Denn nicht jede Diskussion ist eine Diskussion. Manche Gespräche sind nur ein Raum, in dem jemand seine Meinung bestätigt haben möchte.

Du hast recht

Vor ein paar Wochen meinte eine Freundin zu mir, ich solle kein so großes Kaloriendefizit fahren, weil der Körper dann irgendwann nicht mehr darauf reagiert und man nicht weiter abnimmt.

Früher hätte ich wahrscheinlich direkt angesetzt.

Grundumsatz. Leistungsumsatz. Energiebilanz. Wassergewicht. Stoffwechselanpassung. Hunger. Plateaus. Alles einmal sauber auseinandernehmen.

Stattdessen antwortete ich nur:

„Du hast recht.“

Keine zwei Minuten später kam zurück:

„Das sagst du doch nur, weil du deine Ruhe willst.“

Und ja. Genau so war es.

Komisch eigentlich, dass sie das direkt erkannt hat. Vielleicht, weil ich normalerweise niemandem einfach so recht gebe. Vielleicht auch, weil ich oft genug den Eindruck vermittle, alles besser zu wissen.

Und ja, ich weiß immer noch alles besser.

Ich lasse es nur nicht mehr ganz so sehr raushängen.

Manchmal ist Ruhe wichtiger als Recht

„Der Klügere gibt nach“ nervt mich weiterhin. Wahrscheinlich wird sich das auch nicht mehr ändern.

Aber es nervt mich weniger als früher.

Nicht, weil ich die Redewendung plötzlich gut finde. Sondern weil ich inzwischen besser verstehe, dass Nachgeben nicht immer bedeutet, dass man verloren hat.

Manchmal bedeutet es einfach nur, dass man seine Energie nicht in Menschen investiert, die gar nichts damit anfangen wollen.

Ich kann niemanden überzeugen, der sich selbst keine Fehler eingestehen will. Ich kann niemandem Wissen aufzwingen, der gar nicht lernen möchte. Und ich muss auch nicht jede falsche Aussage korrigieren, nur weil sie falsch ist.

Das fällt mir nicht immer leicht.

Aber es wird besser.

Inzwischen helfe ich eher dann, wenn ich aktiv gefragt werde. Wenn wirkliches Interesse da ist. Wenn mein Gegenüber nicht nur darauf wartet, dass ich kurz Luft hole, um direkt wieder die eigene Meinung dagegenzustellen.

Und manchmal, um meinen eigenen Frieden zu wahren, ist die klügste Antwort eben doch einfach:

„Du hast recht.“

Auch wenn ich es nicht so meine.

Mental Wellbeing ChannelAnonymGefällt 2 Lesern

vorheriger Beitrag

Antworten

oder Name und E-Mail eingeben

Falls du auf diesen Beitrag mit einem Artikel auf deiner eigenen Webseite geantwortet hast, kannst du hier die URL deines Beitrags eingeben. Dabei sollte es sich um die Permalink-URL handeln. Deine Antwort wird dann (möglicherweise nach der Moderation) auf dieser Seite angezeigt. Falls du deine Antwort aktualisieren oder entfernen möchtest, aktualisiere oder lösche deinen Beitrag auf deiner eigenen Webseite und gib die URL des Beitrags erneut ein. (Erfahre mehr über Webmentions.)

Impressum & Datenschutz