Noch etwa 60 Tage bis Uganda. Der Flug ist gebucht, die Vorbereitungen laufen, und ich bin aktuell dabei, alles mehr oder weniger auf den Kopf zu stellen.
Uganda ist für mich inzwischen kein Urlaubsziel mehr. Kein „Ich will mal eben meine Verlobte besuchen“. Es ist perspektivisch Zukunft. Ruhe. Frieden. Abschalten. Ich selbst sein können.
Im Chaos Afrikas fühle ich mich erstaunlich wohl. Und das, obwohl ich wahnsinnig verkopft bin. Oder vielleicht gerade deswegen.
Der erste Besuch war aufregend. Gerade wegen des Themas Flugangst und allem, was damit zusammenhing. Dass dabei nicht alles glatt lief, habe ich schon in Wenn alles schief läuft und du trotzdem ankommst ausführlicher aufgeschrieben.
Die zweite Reise fühlte sich dann schon fast an wie nach Hause fliegen. Daheim ankommen. Sich wohlfühlen.
Der letzte Start von Amsterdam aus hat mich etwas zittern lassen. Nicht vor Angst. Auch nicht direkt vor Freude. Sondern weil mir in diesem Moment klar geworden ist, wie viel ich erreicht habe, seit ich Edna kennengelernt habe.
Wir sind jetzt im vierten Jahr. Seit eineinhalb Jahren sind wir verlobt, und die Hochzeitsplanungen laufen. Meine künftige Frau lernt fleißig Deutsch, und ich arbeite parallel weiter an mir.
Wohnung, Alltag und weniger Chaos
Die Wohnung passt. Finanziell bin ich sauber aufgestellt, auch wenn ich ab und an wegen meines Nebenjobs noch fluchen muss. Ich beseitige Störquellen, so gut es geht.
Zum Beispiel mit einer Klimaanlage, weil es sonst im Sommer in der Dachgeschosswohnung kaum auszuhalten ist. Das liegt, soweit ich weiß, auch an der anderen Luftfeuchtigkeit hier in Deutschland. In Uganda ist es zwar ebenfalls warm, teilweise sogar heiß, aber für mich fühlt es sich dort oft erträglicher an. Die Sonne ist intensiver, das Leben wirkt heller, und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum mir die Menschen dort oft so fröhlich vorkommen.
Hier ist alles etwas kühler. Gedämpfter. Vor allem im nördlichen Teil Deutschlands. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Nicht, dass es mir gefallen würde, aber es wird erträglicher.
Ein Saug- und Wischroboter wird mich ab kommender Woche unterstützen, damit ich immer in eine saubere Wohnung kommen kann und nur noch gelegentlich selbst Hand anlegen muss. Und ja, auch das ist besser geworden.
Ich schiebe Dinge nicht mehr so lange auf. Schließlich weiß ich, dass der Abwasch nicht von alleine verschwindet und sich die Wäsche nicht von selbst aufhängt. Das sind alles Kleinigkeiten, die ich derzeit optimiere und organisiere. Für mich. Für uns. Und für meine Gäste.
Als ich in die 126 Quadratmeter große Maisonette gezogen bin, meinten Freunde, die mich schon länger kennen: „Du konntest ja nicht mal 60 Quadratmeter sauber halten. Wie willst du das beim Doppelten schaffen?“
Und ja, die erste Zeit war schwierig. Aber ich habe gelernt: Wenn man ein Ziel vor Augen hat, geht vieles leichter.
Thema Zielsetzung
Meine zukünftige Frau hat mich mit 110 Kilo kennengelernt. Das letzte Mal war ich mit 125 Kilo in Uganda. Und ja, sie sagt dazu nichts, außer dass sie sich Sorgen um meine Gesundheit macht.
Jetzt, einen Monat später, habe ich wieder fünf Kilo verloren. Zwei Monate habe ich noch Zeit. Wenn ich das Tempo beibehalte, sollte ich wieder bei 110 landen.
Mein früheres 100-Stunden-Fasten hat mir schon gezeigt, dass viel über Gewohnheit läuft. Nicht alles, aber mehr, als man sich manchmal eingestehen will.
Bis zur Hochzeit habe ich mir ein Ziel von unter 100 Kilo gesetzt. Schließlich heiratet man im Normalfall nur einmal, und ich möchte nicht wie eine Presswurst im Kanzu aussehen, einem klassischen ugandischen Hochzeitsanzug für Männer. Mit 100 Kilo sollte das passen, da ich groß und breit gebaut bin.
Die Hochzeit wird in Uganda stattfinden
Und wer jetzt zwischen den Zeilen gelesen hat, wird schon mitbekommen haben, dass die Hochzeit in Uganda stattfinden wird.
Ich habe lange überlegt. Oder vielmehr: Wir haben lange überlegt, wie wir das machen. Denn grundsätzlich bin ich der Meinung, dass ich keine 200 Leute einen Tag lang verköstigen muss, nur um die meisten davon danach wahrscheinlich nie wiederzusehen. Will sagen: Geld kann man auch einfacher aus dem Fenster werfen.
Doch inzwischen denke ich anders.
Für die Papiere wird es nach Dänemark gehen, weil es dort am schnellsten und unkompliziertesten ist. Es ist gut möglich, dass das noch dieses Jahr passiert. Die kirchliche Hochzeit in Uganda werden wir dann nächstes Jahr nachholen.
Was? Kirchlich? In Uganda?
Das klingt jetzt nicht nach etwas, das der Eric von vor vier Jahren erzählt hätte. Aber ja. Man entwickelt sich weiter.
Anfangs hatte ich zwar Interesse, aber auch Angst. Ich hatte Angst, dass meine Seite leer bleibt. Dass niemand kommt. Dass ich dort quasi alleine stehe.
Heute weiß ich, dass es nicht so ist.
Sicher werden nicht alle kommen, die ich einlade. Das erwarte ich auch nicht. Aber ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Der Kern wird kommen. Die wichtigsten Menschen werden da sein. Das weiß ich. Und der Rest? Nun ja. Egal.
Nicht alleine
Eine Freundin meiner zukünftigen Frau, die seit 15 Jahren hier in Deutschland lebt, hat mir ihre Geschichte erzählt. Wie es damals mit ihrem Mann war. Dass niemand gekommen ist. Dass er allein war und eigentlich auf seiner Seite niemand stand.
Aber Freunde und Bekannte von ihr, darunter auch meine Verlobte, schlugen sich auf die Seite des Bräutigams, sodass es nicht ganz so traurig war.
Nun, ich denke nicht, dass es bei mir so schlimm wird. Dennoch hat sie mir etwas mit auf den Weg gegeben:
Eric, du bist nicht alleine. Wir sind alle für dich da.
Klar ist es irgendwie etwas anderes, wenn die Freunde der Frau die Rolle der eigenen Familie übernehmen. Aber ist es das wirklich?
Ich meine, schließlich habe ich mich für diese Frau entschieden. Also auch für ihre Familie, ihre Freunde, ihr Leben und ihre Kultur. Und ich bin froh über diese Entscheidung.
Das Treffen mit der Familie
Bleibt abzuwarten, was der September bringt. Denn auch wenn Ednas Freunde und Bekannte wissen, wer ich bin und wie lange wir schon zusammen sind, ist ihre Mutter noch nicht im Bilde.
Ihr Vater ist leider verstorben, sodass er nicht die klassische Rolle übernehmen kann. Dafür wird wahrscheinlich ihr Onkel einspringen, den ich beim letzten Besuch kennengelernt habe.
Es war ein interessantes, wenn auch kurzes erstes Kennenlernen mit ihrem Onkel. Er ist übrigens Moslem, aber das spielt in Uganda aus meiner bisherigen Wahrnehmung heraus eine deutlich kleinere Rolle als hier in Europa. Christen, Moslems, Hindus – viele leben Seite an Seite. Oft in einer Selbstverständlichkeit, von der man sich hier durchaus etwas abschauen könnte.
Auch bei der Hochzeit scheint die Religion nicht das große Problem zu sein. Am Ende sind vor allem zwei Menschen wichtig, die ihre Verbindung offiziell machen wollen.
Drei Dinge sind mir bei dem Gespräch mit ihrem Onkel besonders in Erinnerung geblieben.
Erstens meinte er:
Nun, ihr seid ja schon mehr als drei Jahre zusammen. Was soll ich da noch sagen, außer: Willkommen in der Familie.
Das zweite war, dass er überrascht war, dass ich so gut Englisch spreche. Ich erklärte ihm, dass quasi jeder Deutsche mehr oder weniger Englisch spricht. Wir wollen es nur nicht. Das brachte ihn zum Schmunzeln.
Und das dritte war das wichtigste:
Eric, weißt du. Familie bedeutet nicht, dass man miteinander befreundet sein muss. Aber ich und Ednas Mutter sind sehr gute Freunde, und ich kümmere mich um alles.
Edna ist clever. Wahrscheinlich schlauer als ich. Was ich nur noch mehr an ihr liebe.
Und ja, wir haben alle drei bei dem Gespräch verstanden, warum ihr Onkel derjenige war, den ich als Erstes kennengelernt habe: um die Wogen zu glätten und das Treffen mit meiner Schwiegermutter einfacher zu gestalten.
Jetzt mag manch einer denken: Was kann daran so schwer sein?
Nun, ich bin weiß. Ich komme aus Deutschland. Ednas Schwester ist schon mit einem Russen verheiratet. Und jetzt kommt ihre andere Tochter und schleppt auch noch einen Muzungu an.
Was es bedeutet, als Muzungu in Uganda unterwegs zu sein, habe ich beim letzten Besuch schon einmal deutlich gespürt und später in Muzungu in Kisubi genauer beschrieben.
Warum mir die traditionelle Hochzeit wichtig geworden ist
Wahrscheinlich ist mir deswegen eine klassische ugandische Hochzeit wichtiger geworden als zuvor. Nicht nur, weil dort der Glaube ganz anders zelebriert wird als in Deutschland, wo sich Kirche oft eher wie Beerdigung anfühlt. Dort wird getanzt. Geklatscht. Getrommelt. Lebensfreude ausgestrahlt.
Sondern auch, weil ich glaube, dass es für meine Schwiegermutter wichtig ist, dass zumindest eine ihrer Töchter eine traditionelle Hochzeit feiert. Nachdem die andere nur in Dänemark geheiratet hat.
Ja, es lastet Druck auf mir. Aber ich habe keine Angst. Keine weichen Knie. Keine kalten Füße.
Nein, ich bin tatsächlich in freudiger Erwartung.
Und wie die Geschichte weitergeht, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen.
Ich bin gespannt.
Und ihr hoffentlich auch.
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