Was würdest du deinem 20-jährigen Ich gern sagen?
Mit 20 hielt ich mich wahrscheinlich für komplizierter, als ich war.
Oder nein, anders.
Ich war kompliziert. Aber nicht auf diese geheimnisvolle, tiefgründige Art, wie man sich das in jungen Jahren manchmal gern einredet. Eher auf diese anstrengende Art, bei der man vieles fühlt, wenig davon versteht und dann irgendeine Mischung aus Trotz, Unsicherheit und schlechter Selbstbehauptung daraus macht.
Nach außen möglichst cool.
Innen drin ein komplettes Kabelgewirr.
Wenn ich heute an diese Version von mir denke, sehe ich keinen fremden Menschen. Ich sehe eher einen unfertigen Entwurf. Viel zu viel Sehnsucht. Viel zu wenig Ruhe. Immer irgendwo zwischen „Mir doch egal“ und „Bitte sag mir, dass ich wichtig bin“.
Das ist keine schöne Kombination.
Ein unfertiger Entwurf
Vor allem dann nicht, wenn man noch glaubt, die eigene Verletzlichkeit sei etwas, das man verstecken muss. Also macht man Sprüche. Wird härter, als man eigentlich ist. Tut so, als hätte man alles im Griff. Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, wo Schutz aufhört und Fassade anfängt.
Genau da würde ich vermutlich ansetzen.
Nicht mit einem großen Lebensratgeber-Monolog. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Eher mit der trockenen Feststellung:
Junge, du bist nicht hart. Du bist verletzt und hast nur noch keine bessere Verpackung gefunden.
Das hätte mir mit 20 wahrscheinlich nicht gefallen.
Aber es wäre wahr gewesen.
Damals fühlte sich vieles größer an, als es war. Liebe sowieso. Ablehnung erst recht. Ein Blick, eine Nachricht, ein Schweigen, ein falscher Satz – alles konnte plötzlich Gewicht bekommen. Man baut sich aus Kleinigkeiten ganze Geschichten zusammen, weil der Kopf mit Unsicherheit nicht umgehen kann und deshalb lieber Drehbücher schreibt.
Manchmal romantische.
Manchmal katastrophale.
Meistens schlechte.
Liebe ist nicht automatisch Tiefe
Gerade bei Liebe hätte mir etwas mehr Klarheit gutgetan. Nicht weniger Gefühl, das wäre Quatsch. Gefühle waren nie das Problem. Das Problem war eher, was ich daraus gemacht habe. Zu schnell zu viel Bedeutung. Zu viel Hoffnung an Menschen gehängt, die dafür gar keinen Platz hatten. Zu oft gedacht, Schmerz sei ein Zeichen von Tiefe.
War er nicht.
Schmerz kann Tiefe haben. Klar. Aber manchmal ist Schmerz einfach nur Schmerz. Kein Beweis für große Liebe. Kein Zeichen von Schicksal. Kein poetischer Auftrag, sich weiter kaputtzumachen. Nur ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass irgendetwas nicht gut läuft.
Das hätte ich früher gern verstanden.
Nicht jede Verbindung, die einen aufwühlt, ist besonders. Manche sind einfach nur ungesund. Nicht jeder Mensch, der kurz Wärme gibt, ist ein Zuhause. Manchmal steht man nur für einen Moment an einem Lagerfeuer im Regen und verwechselt die paar Minuten Wärme mit Ankommen.
Am nächsten Morgen ist trotzdem alles nass.
Mit 20 hätte ich vermutlich trotzdem daran festgehalten. Weil Sehnsucht dumm macht. Oder besser gesagt: Sehnsucht macht nicht dumm, sie macht hungrig. Und hungrige Menschen treffen selten gute Entscheidungen.
Das gilt nicht nur für Beziehungen.
Auch sonst war da viel Suche. Nach Anerkennung. Nach Richtung. Nach irgendeinem Gefühl von „Ich bin richtig so“. Gleichzeitig dieser Trotz, bloß nicht zugeben zu wollen, dass man genau danach sucht. Nach außen unabhängig, innerlich abhängig von Reaktionen, Stimmungen und Menschen, die oft selbst keinen Plan hatten.
Heute kann ich darüber nüchterner schreiben. Damals war es Alltag.
Gedanken sind nicht immer Fakten
Man steckt in seinem Kopf fest und hält jeden lauten Gedanken für Wahrheit. Wenn der Kopf sagt, dass man nicht reicht, glaubt man es. Wenn er sagt, dass alle anderen weiter sind, glaubt man es. Wenn er nachts irgendwelche alten Szenen wieder ausgräbt und daraus ein komplettes Tribunal baut, sitzt man eben innerlich auf der Anklagebank.
Dabei sind Gedanken nicht automatisch Fakten.
Manche Gedanken sind nur alte Angst mit Mikrofon.
Das klingt simpel, aber genau solche simplen Dinge begreift man oft viel zu spät. Man muss nicht jeden inneren Monolog ernst nehmen. Nicht jede Panik ist eine Vorahnung. Nicht jedes Grübeln bringt einen weiter. Manchmal ist man nicht an einem existenziellen Wendepunkt, sondern müde, überreizt und seit Tagen schlecht zu sich selbst.
Schlaf hätte manches Problem nicht gelöst.
Aber wahrscheinlich kleiner gemacht.
Die langweiligen Wahrheiten
Überhaupt: der Körper.
Mit 20 behandelt man ihn gern wie etwas, das nebenbei mitläuft. Schlaf? Irgendwie. Essen? Hauptsache schnell. Bewegung? Wird schon. Stress? Gehört halt dazu. Und eine Zeit lang funktioniert das sogar. Der Körper ist erstaunlich geduldig. Er räumt im Hintergrund den ganzen Müll weg, den man ihm hinwirft, und man denkt: Passt doch.
Bis es irgendwann nicht mehr passt.
Dann wird man älter und merkt, dass nichts davon folgenlos war. Zu wenig Bewegung, zu viel Gewicht, schlechte Routinen, dieses dauernde „morgen dann“. Der Körper vergisst nicht alles. Er führt nur lange keine Rechnung.
Und wenn sie kommt, ist sie meistens höher als gedacht.
Ich würde meinem 20-jährigen Ich trotzdem nicht mit Fitnessplänen kommen. Das wäre lächerlich. Weder damals noch heute wäre aus mir plötzlich ein Mensch geworden, der freudestrahlend Brokkoli wiegt und um fünf Uhr morgens Liegestütze macht.
Aber ein paar kleinere Dinge wären drin gewesen.
Mehr laufen. Mehr Wasser. Weniger komplett sinnloses Essen. Früher schlafen. Nicht jede Verbesserung direkt in ein riesiges Projekt verwandeln, das nach drei Tagen wieder zusammenbricht. Manchmal reicht es schon, heute nicht komplett zu verkacken.
Unspektakulär.
Leider wirksam.
Das Leben besteht viel öfter aus solchen langweiligen Wahrheiten, als einem lieb ist. Geld ist auch so eine. Mit 20 klingt finanzielle Stabilität schnell nach Spießertum, nach Versicherungsordner, nach Menschen, die Kugelschreiber nach Farben sortieren und Spaß für verdächtig halten.
In Wahrheit bedeutet sie Ruhe.
Nicht Reichtum. Nicht Status. Nicht dieses alberne „Mindset“-Gelaber. Einfach Ruhe. Weniger Druck. Weniger Bauchschmerzen, wenn etwas kaputtgeht. Weniger Abhängigkeit. Mehr Möglichkeiten, Nein zu sagen.
Kein Geld macht das Leben enger.
Das ist nicht tiefgründig, aber wahr. Wer ständig rechnen muss, verliert Freiheit. Wer jede Kleinigkeit finanziell spürt, trägt eine Dauerlast mit sich herum. Deshalb hätte ich früher lernen sollen, Geld ernster zu nehmen. Nicht geiziger. Nicht verbissener. Aber bewusster.
Viel zu oft kauft man keine Freude.
Man kauft Ablenkung.
Zehn Minuten Beruhigung, ein neues Ding, ein kurzer Dopamin-Keks für den Kopf. Danach ist das eigentliche Problem noch da, nur mit weniger Geld auf dem Konto.
Auch das klingt heute banal.
Damals hätte ich es vermutlich trotzdem nicht hören wollen.
Es gibt viele Dinge, die man erst versteht, wenn sie teuer genug waren. Manche bezahlt man mit Geld. Andere mit Zeit, Beziehungen oder Selbstachtung.
Rückgrat ist nicht Trotz
Sturheit gehört auch dazu.
Ich war stur. Bin ich teilweise noch. Rückgrat ist wichtig, keine Frage. Man darf nicht alles schlucken. Man darf Kante haben. Man darf widersprechen. Man darf für sich und andere einstehen. Aber Rückgrat und Trotz sind nicht dasselbe.
Rückgrat hält einen aufrecht.
Trotz hält einen fest.
Da liegt ein gewaltiger Unterschied.
Mit 20 wirkte jeder Konflikt schnell wie ein Grundsatzkrieg. Man wollte beweisen, dass man recht hat. Dass man nicht falsch ist. Dass die anderen einen nur nicht verstehen. Also erklärt man sich. Wieder und wieder. Noch genauer. Noch emotionaler. Noch erschöpfter.
Bis irgendwann gar nicht mehr klar ist, ob es noch um Wahrheit geht oder nur darum, nicht zu verlieren.
Manche Diskussionen sind diesen Einsatz nicht wert. Manche Menschen verstehen einen nicht besser, nur weil man sich länger erklärt. Manche wollen gar nicht verstehen. Sie wollen, dass man müde wird.
Und für die falschen Menschen müde zu werden, ist eine besonders dumme Art der Selbstverschwendung.
Das hätte ich gern früher begriffen.
Ehrlichkeit vor Bitterkeit
Genauso wie die Sache mit der Ehrlichkeit. Lange fühlt sich Ehrlichkeit gefährlich an, wenn man Angst vor Verlust hat. Also sagt man Dinge nicht. Schluckt Ärger runter. Spielt Pflegeleicht. Wird leiser, obwohl innerlich längst alles laut ist.
Nach außen Frieden.
Innen Selbstverrat in Zeitlupe.
Irgendwann rächt sich das. Nicht immer sofort. Aber zuverlässig. Was man ständig verschluckt, verschwindet nicht. Es sammelt sich. Wird bitter. Kommt später an Stellen raus, an denen es eigentlich gar nicht hingehört.
Klarheit hätte vieles einfacher gemacht.
Nicht angenehmer.
Einfacher.
Ein ehrlicher Satz zur richtigen Zeit kann hart sein. Aber zehn verschluckte Sätze werden irgendwann hässlich. Dann geht es nicht mehr um Lösung, sondern um angestauten Groll. Und der ist ein schlechter Gesprächspartner.
Vielleicht wäre das einer der wichtigsten Punkte: früher ehrlich sein, bevor man bitter wird.
Nicht brutal.
Nicht verletzend.
Nur ehrlich.
Und manchmal eben auch ohne den Zwang, sich ständig rechtfertigen zu müssen.
Das gilt auch für Fehler. Gerade für die eigenen. Mit 20 ist man schnell darin, sich zu verteidigen. Zu erklären, warum man so reagiert hat. Warum es nicht so gemeint war. Warum der andere ja auch. Warum die Situation eben schwierig war.
Kann alles stimmen.
Ändert aber nichts daran, dass man manchmal Mist baut.
Eine echte Entschuldigung hätte mir sicher nicht geschadet. Nicht dieses halbe „Sorry, aber“-Ding, bei dem man die Verantwortung direkt wieder zurückschiebt. Sondern ein klares: Ja, das war scheiße von mir.
Ohne Ausrede.
Ohne Theater.
Ohne sofort zu erwarten, dass danach alles wieder gut ist.
Manchmal war ich nicht missverstanden. Manchmal war ich einfach ein Arsch.
Das zuzugeben macht einen nicht kleiner. Es macht einen erwachsener. Und vermutlich hätte ein bisschen mehr davon einiges entschärft.
Die alten Versionen
Andererseits möchte ich meinem früheren Ich auch nicht nur auf die Finger hauen. So einfach ist es nicht. Diese alte Version war nicht nur schwierig, stur oder unsicher. Sie war auch ehrlich auf ihre eigene unbeholfene Art. Sie wollte fühlen. Sie wollte lieben. Sie wollte irgendwo hingehören. Sie wollte nicht kalt werden.
Das ist etwas wert.
Es wäre leicht, rückblickend alles besser zu wissen und den alten Eric wie ein peinliches Vorher-Bild zu behandeln. Aber so funktioniert Entwicklung nicht. Man wächst nicht aus dem Nichts. Man wächst aus genau diesen unfertigen Versionen heraus.
Aus der wütenden.
Aus der traurigen.
Aus der, die zu lange geblieben ist.
Aus der, die zu viel wollte.
Aus der, die nicht wusste, wohin mit sich.
Aus der, die Fehler gemacht und trotzdem weitergemacht hat.
Keine davon war perfekt. Manche waren sogar ziemlich anstrengend. Aber sie haben mich bis hierhin getragen. Nicht elegant. Nicht ohne Kollateralschäden. Aber getragen.
Dafür darf man irgendwann etwas weniger Hass übrig haben.
Vielleicht hätte ich auch früher schreiben sollen. Nicht besser, nicht professioneller, nicht mit Plan. Einfach früher. Schreiben sortiert Dinge, auch wenn der Text selbst chaotisch ist. Manchmal merkt man erst beim Aufschreiben, was eigentlich in einem los ist. Und Jahre später sieht man nicht nur, was man gedacht hat, sondern wer man damals war.
Das kann unangenehm sein.
Sogar sehr.
Alte Texte sind manchmal wie alte Fotos, nur mit mehr seelischer Nacktheit. Man liest sie und möchte kurz das Internet abschalten oder sich selbst in Schutzhaft nehmen. Aber genau darin liegt der Wert. Da war etwas los. Es war echt. Und es ist nicht verloren gegangen.
Perfekt ist langweilig.
Echt bleibt hängen.
Familie wäre noch so ein Thema, aber kein einfaches. Man kann Menschen lieben und trotzdem Abstand brauchen. Dankbarkeit und Verletzung können gleichzeitig existieren. Nicht alles muss schön geredet werden, nur weil es früher eben so war oder weil jemand es angeblich nicht so gemeint hat.
Prägung ist kein Urteil.
Man darf Dinge anders machen.
Nicht aus Arroganz. Nicht aus Trotz. Sondern weil irgendwann entschieden werden muss, welche Muster weitergetragen werden und welche bei einem enden. Das klingt groß, ist im Alltag aber oft klein und unbequem. Andere Reaktion. Andere Grenze. Anderer Umgang mit Wut. Ein Gespräch weniger eskalieren lassen. Nicht dieselbe Scheiße weiterreichen, nur weil man sie selbst bekommen hat.
Das ist Arbeit.
Und diese Arbeit sieht von außen selten heldenhaft aus.
Meistens bemerkt sie niemand.
Man verändert sich leise, während andere noch die alte Version erwarten. Für manche ist genau das unbequem. Sie mögen einen lieber so, wie man früher war, weil sie mit dieser Version umgehen konnten. Aber man ist kein altes Möbelstück, das aus Nostalgie unverändert in der Ecke stehen muss.
Veränderung darf Menschen irritieren.
Das macht sie nicht falsch.
Weich bleiben
Wut hätte ich trotzdem nicht komplett ablegen wollen. Sie hatte ihren Zweck. Wut zeigt manchmal, dass etwas nicht stimmt. Sie kann aufrichten, wenn man zu lange alles geschluckt hat. Sie kann ein erstes Nein sein, wenn man noch keine saubere Sprache dafür hat.
Aber wohnen sollte man darin nicht.
Wenn Wut das Zuhause wird, werden die Räume eng. Jeder Satz klingt nach Angriff. Jede Kritik nach Krieg. Jeder Fehler nach Beweis. Irgendwann verteidigt man sich auch dort, wo niemand kämpft.
Die Kante behalten, aber keine Mauer daraus bauen.
Das wäre ein brauchbarer Satz gewesen.
Und dann ist da noch diese Sache mit dem Weichbleiben. Das Leben liefert genug Gründe, härter zu werden. Enttäuschungen, Verluste, falsche Menschen, falsche Entscheidungen, peinliche Erinnerungen, gebrochene Erwartungen. Irgendwann ist die Versuchung groß, einfach dichtzumachen.
Kommt keiner rein, kann keiner etwas kaputtmachen.
Klingt sicher.
Ist aber auch ziemlich einsam.
Schutz ist wichtig. Grenzen sind wichtig. Naivität ist gefährlich. Aber Kälte ist keine Stärke. Meistens ist sie nur Traurigkeit mit schlechter Beleuchtung.
Man sollte sich nicht komplett abgewöhnen, berührbar zu sein. Freude, Liebe, Begeisterung, Vertrauen – alles riskant. Alles verletzlich. Alles potenziell dumm. Und trotzdem wäre ein Leben ohne diese Dinge nur ein gut abgesicherter Kellerraum.
Trocken vielleicht.
Aber dunkel.
Irgendwann kann sogar Liebe kommen, die sich nicht wie Krieg anfühlt. Das hätte ich mit 20 wahrscheinlich belächelt. Ruhe hätte schnell nach Langeweile geklungen. Vertrauen nach Wunschdenken. Eine Beziehung ohne ständiges Drama vielleicht nach zu wenig Leidenschaft.
Heute sehe ich das anders.
Ruhe kann sehr viel tiefer sein als Chaos.
Es gibt Verbindungen, in denen man nicht dauernd beweisen muss, dass man liebenswert ist. In denen Nähe nicht nach Kontrolle riecht. In denen Entfernung schwer bleibt, aber nicht alles zerstört. In denen man wachsen darf, ohne ständig umgebaut zu werden.
So etwas hätte ich früher nicht unbedingt geglaubt.
Vielleicht musste ich erst oft genug die andere Variante erleben.
Auch das ist bitter: Manche Erkenntnisse kommen nicht, weil man klug ist. Sie kommen, weil man müde geworden ist, denselben Fehler noch einmal zu machen.
Nicht alles wird gut, aber vieles besser
Nicht alles braucht aber eine große Erklärung. Auch das hätte ich mir gern früher gesagt. Manchmal ist etwas einfach scheiße gelaufen. Manchmal hat es nicht gepasst. Manchmal war jemand nicht gut für mich. Manchmal war ich nicht gut für jemanden. Manchmal bekommt man keine Antwort, die den Schmerz ordentlich sortiert.
Der Kopf hasst das.
Er will Gründe. Muster. Abschluss. Eine schöne Schublade mit Beschriftung.
Aber nicht alles passt in eine Schublade. Manche Dinge bleiben lose im Raum stehen, und irgendwann lernt man nur, nicht mehr jeden Tag darüber zu stolpern.
Vielleicht ist genau das Frieden.
Nicht alles verstehen.
Nur nicht mehr alles festhalten.
Am Ende würde ich meinem 20-jährigen Ich also nicht sagen, dass alles gut wird.
Das wäre eine Lüge.
Nicht alles wird gut. Manche Narben bleiben. Manche Erinnerungen melden sich wieder, obwohl man dachte, sie wären längst erledigt. Manche Menschen fehlen, obwohl sie besser weg sind. Manche Fehler lassen sich nicht zurücknehmen. Man wird älter, aber nicht automatisch einfach.
Trotzdem wird vieles besser.
Nicht perfekt.
Besser.
Man wird klarer. Ehrlicher. Ruhiger. Nicht jeden Tag, aber öfter. Man lernt, dass Alleinsein nicht automatisch Verlassenheit bedeutet. Dass ein Nein mehr Selbstachtung enthalten kann als ein verzweifeltes Ja. Dass Liebe ohne Selbstaufgabe möglich ist. Dass man nicht jeden Menschen halten muss. Dass Wert nicht davon abhängt, ob gerade jemand bleibt.
Und vielleicht ist das die ehrlichste Botschaft an diese frühere Version:
Du warst nie so verloren, wie du dich gefühlt hast.
Du warst unterwegs.
Chaotisch, stur, verletzt, manchmal peinlich, oft mit dem Kopf durch die Wand.
Aber unterwegs.
Und solange man unterwegs ist, ist noch nichts vorbei.
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