Die Sonntagsfrau – Teil 1

Es war Sonntag. In der Firma, in der ich hauptberuflich arbeitete, gab es damals die Möglichkeit, bereits am Sonntagabend mit der Nachtschicht anzufangen, um sich ein paar Extra-Euro zu verdienen.

In der Anfangszeit habe ich von dieser Option Gebrauch gemacht. Ein typisches Wochenende sah zu dieser Zeit ungefähr so aus:

Freitag Spätschicht bis 22 Uhr, danach ab in den Club bis morgens um 8 Uhr. Samstag ab 12 Uhr die Samstagsschicht schieben. Danach nach Hause, schlafen und abends ab 20 Uhr wieder in den Club bis morgens um 10 Uhr. Und dann am Sonntagabend ab 22 Uhr zur Nachtschicht.

Klingt gesund, oder?

Aber wie gesagt: Sonntag war freiwillig. Meistens war es außerdem ziemlich langweilig, da kaum jemand Lust hatte, Sonntagabend zu arbeiten.

An diesem Sonntag fühlte ich mich erschöpft und hatte keine Lust, abends zur Arbeit zu gehen. Also beschloss ich, zu Hause zu bleiben und erst am Montagabend ganz regulär zur Nachtschicht zu erscheinen.

Ich verbrachte meine Zeit, wie so oft damals, auf kwick.de, chattete mit Freunden und schaute nebenbei Filme.

Die erste Nachricht

Plötzlich sprang ein Chatfenster auf, und ein Mädchen meldete sich bei mir.

„Du bist doch der Fotograf aus Blablubb…“

Irgendwelcher Smalltalkscheiß.

Ja, ich war tatsächlich der Fotograf, von dem sie sprach. Ich kannte sie nicht und erinnere mich auch nicht mehr an ihren Namen. Deshalb nenne ich sie einfach „die Sonntagsfrau“.

Sie begann ein Gespräch mit mir. Wie geht’s dir? Was machst du so? Das übliche Hin und Her.

Ich war müde von der Arbeit und wollte eigentlich meine Ruhe haben. Also antwortete ich, dass ich heute nichts mehr vorhabe, mich ausruhen und ein paar DVDs schauen werde.

Daraufhin meinte sie sinngemäß:

„Ich habe ein großes Sofa, ein bequemes Bett… Du könntest ja ein paar Filme mitbringen. Ich würde dich sogar abholen, egal wo du wohnst.“

Wenn ich heute darüber nachdenke, hatte ich damals schon eine ziemlich wilde Zeit. Und ich musste nicht einmal besonders viel dafür tun.

Hm.

Das erinnert mich an eine Aussage, die ich später öfter gehört habe: „Du weißt gar nicht, wie du auf andere wirkst.“

Offensichtlich wusste ich es tatsächlich nicht. Wahrscheinlich war ich so sehr damit beschäftigt, mich selbst zu bemitleiden, dass ich viele gute Zeiten gar nicht richtig wahrgenommen habe.

Aber sei’s drum.

Das Angebot

Also zurück zu ihrem Angebot.

Natürlich hatte ich nichts Besseres zu tun. Warum zu Hause rumhängen, wenn man woanders sein und es sich gutgehen lassen konnte?

Ich wollte jedoch nicht gleich zusagen, um zumindest den Anschein zu erwecken, dass ich nicht sofort springe, nur weil jemand mit Sofa, Bett und DVDs um die Ecke kommt.

Willst du gelten, mach dich selten. Oder so.

Also schaute ich mir ihre Fotos an: dunkle Haare, Lippenpiercing – was ich zu der Zeit auch hatte –, Hardrock, Metal, irgendwie Gruftistyle.

Gott, ich stand damals auf Gruftis, Emos, Goths und all diesen leicht aufgefuckten Kram. Frauen mit dunkler Ästhetik, emotionalem Chaos und diesem gewissen „Ich bin wahrscheinlich keine gute Idee“-Vibe.

Wahrscheinlich, weil ich mich selbst besser fühlen wollte, wenn ich einer emotional beschädigten Frau helfen konnte. Oder einfach, um von meinen eigenen Problemen abzulenken.

Sie war an sich nichts Besonderes. Eher Durchschnitt. Aber hey, sie wollte mich. Also warum Stress machen, wenn es auch einfach geht?

Immerhin wollte sie mich sogar abholen. Ich musste also gar nichts tun.

Also stimmte ich zu, und wir vereinbarten einen Treffpunkt.

Der Treffpunkt

Genau weiß ich nicht mehr, was ich zwischen dem Chat und dem Treffen getan habe. Wahrscheinlich habe ich die meiste Zeit im Bad verbracht. Eier rasieren und so. Das Übliche eben.

Gefühlt anderthalb Stunden später lief ich zum Treffpunkt, der direkt um die Ecke von meinem Wohnort lag.

Ich hätte ihr natürlich auch sagen können, wo ich wohne. Aber ehrlich gesagt: Bei wildfremden Menschen aus dem Internet muss man nicht direkt die eigene Adresse raushauen. Echt nicht.

Auf dem Parkplatz, zu dem ich sie gelotst hatte, standen nicht viele Fahrzeuge. Nur ein Auto entsprach ihrer Beschreibung.

Ich ging zur Fahrerseite, lächelte, sie nickte, ich stieg ein.

„Hi.“

Es war irgendwie seltsam, aber auch gut. Damals habe ich, glaube ich, nicht so viel darüber nachgedacht wie heute. Ich meine: Ich stieg zu einer völlig Fremden ins Auto.

Oder andersherum: Ein völlig Fremder stieg in ihr Auto.

Wie auch immer.

Sie sagte mir, dass sie so etwas noch nie gemacht habe, ihr aber gerade danach war.

Ich wollte irgendwie das Thema wechseln und von der eigentlichen Situation ablenken. Während wir fuhren, unterhielten wir uns über banale Dinge: die DVDs, die ich mitgebracht hatte, welche Musik sie mochte, ob sie rauchte.

Blabla eben.

Nach zehn Minuten quer durch die Stadt kamen wir schließlich bei ihr an. Irgendwo auf einem Berg, in einem Mehrfamilienhaus am Stadtrand. Abgelegen und relativ ruhig.

Ein Nachbar kam gerade aus der Haustür, als wir hineingehen wollten. Gott, ich hasse solche Situationen.

Sie unterhielt sich noch kurz mit ihm oder ihr – ich bin mir nicht mehr sicher – und ich stand einfach doof daneben.

Was soll man in so einer Situation auch sagen?

„Hey, ich bin der und der, und wir haben uns vor einer Stunde kennengelernt.“

Moment.

Jetzt erinnere ich mich wieder. Ich glaube, es war eine Nachbarin, und sie hat mich irgendwie als Bekannten vorgestellt oder so.

Spielt aber keine Rolle.

Überraschend anders

Wir standen vor ihrer Wohnungstür, und ich war gespannt, was mich drinnen erwarten würde.

Vielleicht eine düstere Rockerin mit positiver Ausstrahlung, aber dennoch irgendwie unscheinbar. Ich konnte mich nicht einmal an ihren Namen erinnern. Aber ich erinnere mich noch genau an das Aussehen ihrer Wohnung und sogar an den Inhalt ihres Kühlschranks.

Und das ist sieben oder acht Jahre her.

Aber der Name?

Keine Chance.

Auf jeden Fall hatte ich mir die wildesten Dinge ausgemalt: von einer dunklen Gruft über Sadomaso-Spielzeug bis hin zu Frauen, die aus Kelchen Blut trinken.

Als sie dann die Tür öffnete, musste ich grinsen.

Es war eine große, offen geschnittene Einzimmerwohnung mit Terrasse. Und wie sie bereits gesagt hatte, gab es dort ein großes Sofa, ein gemütliches Bett und überall Plüschtiere.

Sie bot mir ein Bier an, weil sie wohl nichts anderes im Kühlschrank hatte. Dort fand sich Obst, Gemüse und zwei Sixpacks Mixery.

Sie war nicht aufdringlich, sondern ziemlich nett und zuvorkommend. Dennoch war sie keine potenzielle Freundin. Weil, nun ja: Ich war bei meiner Partnerwahl ziemlich oberflächlich.

Ich versuchte immer, meine Exfreundinnen mit der nächsten zu übertrumpfen, damit man mir bloß nicht nachsagen konnte: „Ey, guck mal, mit was für einer er jetzt zusammen ist.“

Später habe ich das abgelegt. Und wurde auch nur enttäuscht.

Also warum die Erwartungen herunterschrauben?

Nur Nähe

Nun gut, zurück zur Sonntagsfrau.

Sie überließ mir die Wahl, ob wir uns auf das Bett oder das Sofa legen sollten. Eigentlich war es Formsache, da der DVD-Player am Bett stand. Also entschieden wir uns fürs Bett und legten eine DVD ein.

Sie war nicht zimperlich und kuschelte sich gleich an mich. Immer wieder schaute sie zu mir hoch.

Die erste DVD endete, und es passierte nichts.

Bei der zweiten DVD war es bereits dunkel draußen. Sie schaute wieder zu mir hoch, kam näher, und wir küssten uns.

Ich erinnere mich noch, wie ihr Lippenring mit den Stacheln in meine Lippen stach. Aber es war in Ordnung. Nichts Außergewöhnliches.

Wenig später muss sie wohl eingeschlafen sein, was ich erst am Ende der DVD bemerkte.

Ich griff nach der Fernbedienung, ohne sie zu wecken, und lag einfach da. Ich starrte an die Wand, machte mir meine Gedanken und hatte irgendwie keine Lust auf Sex.

Der Moment war so schön.

Einfach nur kuscheln und nicht alleine schlafen müssen.

Während ich in meinen Gedanken versunken war, meldete sich plötzlich meine Blase. Ich versuchte, es so lange wie möglich zu unterdrücken, weil ich nicht wollte, dass sie aufwacht und dann irgendwelche Erwartungen hat.

Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr.

Also rutschte ich langsam vom Bett, schob sie vorsichtig von mir weg und ging aufs Klo.

Als ich zurückkam, war sie wach und lächelte. Ich hob die Decke und wollte mich wieder ins Bett legen. Dabei sah ich, dass sie nur noch ihren Slip anhatte.

Also zog ich auch meine Shorts aus.

Ich legte mich zu ihr. Sie drehte mir den Rücken zu. Ich schob einen Arm unter ihren Kopf und den anderen über sie.

Wir schliefen im Löffelchen-Stil ein.

Fortsetzung folgt

Wie es weiterging, steht in Die Sonntagsfrau – Teil 2.

Weiterlesen

Wenn dich diese Art persönlicher Rückblick interessiert, lies auch Me, Myself & I – Teil 1, Am Anfang ist alles gut und Wieso Onlinedating nicht funktioniert.

Mehr persönliche Texte findest du in Liebe & Beziehungen.


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