In Zeiten von Corona waren Plattformen wie Tinder, Lovoo und Co. so ziemlich die einzige Möglichkeit, wieder fremde Menschen ohne Maske zu sehen.
Ich wohne selbst im Speckgürtel von München, der Singlehochburg Deutschlands. Da ich in den letzten Monaten sehr viel in der Republik unterwegs war und hin und wieder Zeit totschlagen musste, meldete ich mich auf den bekanntesten Plattformen an: Tinder, Lovoo und Facebook Dating.
Es ist erstaunlich, wie massiv die regionalen Unterschiede sind. Versteht mich nicht falsch, ich lebe gerne hier und fühle mich auch wohl. Doch sobald ich wieder zu Hause bin, fängt das große Kopfschütteln an.
Gerade im Umkreis von München scheint ein wenig die Individualität zu fehlen. Jede und jeder beharrt zwar darauf, ein Unikat zu sein. Doch wenn ich durch die Profile swipe, scheint alles aus demselben Tinder-Baukasten zu kommen.
Ich liebe die Berge, traveladdicted, foodlover, blond and beautiful, liebe tiefgründige Gespräche – habe aber ein nichts aussagendes Profil. Eine wie keine? Fehlanzeige. Eher eine wie alle.
Die andere Seite
Hin und wieder, jedoch eher selten, kommt dann auch mal ein längeres Gespräch zustande. Die Aussagen der Frauen sind dann meist gleich. In der Regel sind alle verwundert, wieso ich so anständig bin.
Ich gehöre eben nicht zu der Rubrik: „Hey, wie geht’s?“ – und dann kommt ungefragt ein Dickpic. Ich bin tatsächlich auch in der Lage, vollständige Sätze zu formulieren.
Kleine Randnotiz: Liebe Männer, nur fürs Verständnis: Was erwartet ihr, wenn ihr einer wildfremden Frau ein Foto eures Penis schickt? Reduziert ihr euch selbst auf euer Genital? Habt ihr keine anderen Argumente als euer Geschlechtsteil? Und welche Reaktion erwartet ihr?
Es wird doch kaum eine sagen: „Schöner Penis, heirate mich!“ Dazu kommt noch, dass so ein Verhalten im echten Leben mindestens massiv übergriffig wäre.
Ich liebe das Internet. Wo sonst kann man sich so darstellen, wie man in Wirklichkeit gar nicht ist?
Und das bringt uns zu dem Thema, auf das ich hinaus möchte.
Wieso Onlinedating nicht funktioniert
Wieso Onlinedating nicht funktioniert, ist meiner Meinung nach recht einfach erklärt: Es ist die oberflächlichste Art, jemanden kennenzulernen.
Binnen Sekunden beschließt man anhand von Fotos, ob einem jemand gefällt oder nicht. Sicher funktioniert das im echten Leben ähnlich. Auch dort entscheiden wir innerhalb kürzester Zeit, ob uns jemand taugt oder nicht. Doch im Gegensatz zum Internet sind dabei ganz andere Dinge ausschlaggebend.
Mimik, Gestik, Stimme, Geruch – alles Dinge, die man anhand eines Fotos gar nicht festmachen kann. Wie soll man anhand einer Momentaufnahme, die auch noch gestellt ist, entscheiden, ob einem jemand gefällt?
Es gibt einige Fotos von mir, auch Selfies. Jedoch gehöre ich nicht zu denen, die sich stundenlang vor den Spiegel stellen oder hundertmal von Freunden fotografieren lassen, um am Ende ein Bild davon auszuwählen.
Ein Foto. Entweder es passt oder es passt nicht.
Wenn mir eine Frau im echten Leben begegnet, gibt es hin und wieder diese Wow-Momente. Momente, in denen ich mir denke: „Die wäre was fürs Bett…“, „… sieht gut aus“ oder wie auch immer.
Anhand dieses Ersteindrucks mache ich aber nicht fest, ob sich jemand für eine Beziehung eignet oder nicht.
Was ich jedoch am Ersteindruck festmache, ist gegebenenfalls, ob sich jemand fürs Bett eignet oder nicht. Vielleicht sind Männer und Frauen da verschieden, was wiederum erklären würde, wieso so viele Mädels „Keine ONS“ oder „Keine F+“ im Profil stehen haben.
Beim Gedanken an Tinder denke ich automatisch an Sex. Punkt.
Tatsächlich hat das letztens auch eine Freundin zu mir gesagt: „Meintest du nicht, dass Tinder nur zum Ficken da ist?“ Ja, definitiv. Nichtsdestotrotz habe ich mich dort wieder angemeldet, um zu sehen, ob sich in Zeiten von Corona etwas verändert hat.
Es hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Meiner Meinung nach ist es schlimmer geworden. Auf irgendeinem Profil habe ich sinngemäß gelesen, dass Tinder nur noch dafür da ist, um die bestmögliche Illusion seiner selbst zu präsentieren.
Und genau das ist der Grund, wieso es nicht funktioniert.
Soziale Medien, Onlinedating-Plattformen und ähnliche Dinge sind oft nur Illusionen und Momentaufnahmen. Jemanden über einen Chat kennenzulernen, ist in meinen Augen totaler Schwachsinn.
Überleg einmal selbst, wie oft du eine Nachricht bekommen hast, auf die du antworten wolltest, und sie dann wieder gelöscht hast. Das funktioniert im echten Leben nicht. Was einmal ausgesprochen wurde, lässt sich schlecht wieder zurücknehmen.
So baut man dann einfach etwas auf, was nicht der Realität entspricht. Man verliebt sich im schlimmsten Fall sogar in diese Illusion und wird schlussendlich enttäuscht, wenn sie nicht der eigenen Vorstellung entspricht.
Beispiele und Erfahrungen
Früher habe ich immer versucht, Menschen von meiner Meinung zu überzeugen. Inzwischen denke ich mir, dass es Zeitverschwendung ist. Lass die Dummen dumm sein, fertig.
Durch diesen Einstellungswandel geht es mir auch deutlich besser. Eine gesunde Prise „Leck mich am Arsch“ – aber das ist ein anderes Thema.
Was ich sagen möchte: Du musst nicht meiner Meinung sein. Vielleicht hast du auch ganz andere Eindrücke und Erfahrungen gesammelt.
Hier sind jedoch ein paar meiner Erfahrungen.
Eines der schönsten Beispiele ist nicht mir, sondern einer Bekannten passiert. Auch sie war auf verschiedenen Datingplattformen unterwegs und hat mir viel erzählt. Ich fand es wahnsinnig unterhaltsam. Wirklich überrascht haben mich ihre Erfahrungen aber nicht.
Sie hat zum Beispiel jemanden kennengelernt, der anscheinend eine Eigentumswohnung in München hatte, ein großes Auto fuhr und so weiter. Es ging ihr lediglich um Sex, weshalb sie das nicht wirklich interessiert hatte. Zwinker, zwinker.
Nach etwas Hin- und Hergeschreibe hat sie sich dann auf den Weg zu ihm gemacht. Auf halber Strecke teilte er ihr mit, dass seine Wohnung wohl gerade einen Wasserschaden hätte. Und wie es der Zufall so will, war sein Auto gerade in der Werkstatt.
Lustig, oder?
Aber er ist ja Gentleman und hat deswegen ein Hotelzimmer gebucht. Wahnsinn. Muss ich noch weiter darauf eingehen? Ich denke nicht.
Eine andere Freundin wollte über Tinder neue Kontakte knüpfen, Bierchen trinken, quatschen, Filme schauen, was auch immer. Sie hat dann auch jemanden zu sich nach Hause eingeladen.
Es wurde scheinbar direkt kommuniziert, dass es nicht um Sex geht. Das hat er auch so gut verstanden, dass er mitten in der Nacht abgehauen ist, als er auf dem Sofa schlafen musste. Köstlich.
Meine erste Freundin lernte ich damals auch über Knuddels kennen. Quasi ebenfalls eine Datingplattform, weit vor Tinder und Co. Wir sind dann irgendwann auf MSN ausgewichen, mit Videotelefonie und allem.
Sie war echt süß, ist es heute auch noch. Aber als wir uns das erste Mal im echten Leben getroffen haben, dachten wir beide: „Oh mein Gott.“
Wir waren dann irgendwie zusammen. Es war auch eine schöne Zeit. Ich war noch so wahnsinnig unerfahren und natürlich hat es auch nicht lange gehalten. Na ja.
Ich habe einige Mädelgeschichten auf Lager. Aber nicht wirklich viele haben Onlinedating als Ausgangslage.
Kaffee heißt Kaffee
Als ich nach Bayern gezogen bin, wollte ich Anschluss finden. Ich war neu in meinem Job und habe wesentlich länger gearbeitet als heute. Damit hatte ich kaum Freizeit, um mich unter Leute zu mischen. Also registrierte ich mich bei Lovoo.
Das erste Date, wenn man es denn so nennen möchte, war ein Spaziergang mit anschließender Stärkung bei McDonald’s. An und für sich haben wir uns auch ganz gut verstanden.
Offensichtlich war ihr Interesse ein anderes als meins. Von wegen, ich würde nicht merken, wenn jemand auf mich steht. Nee, ich raff das wirklich nie. Aber da habe ich es gemerkt, also muss es echt eindeutig gewesen sein.
Wir verabschiedeten uns erst einmal wieder. Einige Tage später hatte ich richtigen Kaffeedurst, aber selbst keinen Kaffee mehr im Haus. Also schrieb ich ihr, ob ich auf einen Kaffee vorbeikommen könnte – mit der Anmerkung, dass es mir wirklich um Kaffee geht.
Sie hat sich gefreut und teilte mir mit, dass ich gerne vorbeikommen kann und sie sogar noch Kuchen da hätte.
Bei ihr angekommen, gab sie mir eine Führung durch die Wohnung, zeigte mir ihr GROSSES BETT und die BEQUEME COUCH. Und ich wollte wissen, wo die Kaffeemaschine steht.
Nach meinem Kaffee und einer Zigarette hat sie mir den Kuchen auch noch eingepackt. Danach bin ich wieder nach Hause gefahren.
Ich würde ja sagen, dass es mir leidtut. Tut es aber nicht. Schließlich habe ich ihr geschrieben, dass ich einfach nur einen Kaffee trinken möchte.
Aber das ist genau wieder der Punkt mit dem Chatten, Schreiben und Interpretieren. Ohne die entsprechende Körpersprache weiß man gar nicht, wie etwas gemeint ist. Man liest alles so, wie man es gerne für sich oder in seiner Vorstellung hätte.
Zum Abschluss
Onlinedating funktioniert nicht, weil es mit der Realität nichts zu tun hat. So sind zumindest meine Erfahrungen.
Ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren. Bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt. Und wer weiß, vielleicht stehe ich ja irgendwann am Traualtar und sage:
„Ja! Wir haben uns über Tinder kennengelernt.“
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Hast du mit Onlinedating ähnliche Erfahrungen gemacht, oder hat es bei dir tatsächlich funktioniert?
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